Altersschätzung am lebenden Rehwild

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Altersschätzung böcke
FOTO: MICHAEL BREUER

Welcher Rehwildjäger hat sich bei der Altersansprache eines Bockes noch nicht geirrt? Kein Wunder – sagt PAVEL SCHERER und räumt mit Legenden, Sagen und Märchen auf.

Abendsonne im Mai – der Jungjägersitzt auf Jährlinge an. Einnoch nicht verfärbter Bastgabler wechselt ohne großes Sichern auf die Wiese. Durch das 8x56er Glas erkennt der unerfahrene Jäger einen schwachen Träger, keinen Widerrist, geringes Wildbret und eine hellgraue krause Maskeohne Muffelfleck.Im Jungjägerkurs lernte er, dass eine helle angegraute Maske mit Stirnlockentypisch für den alten Bock ist. Mittelalte Böcke sind sehr bunt gefärbt, tragen einen Muffelfleck und eine Brille um die Lichter, während eine dunkle und glatte Zeichnung den Jährling entlarvt.
Falsch! 70 Prozent der Altersschätzungen anhand der Gesichtsfarben sind nicht richtig, denn bei jedem Stück ändert sich die Maske mit dem Älterwerden individuell. Bekannt ist inzwischen auch, dass selbst regional die Gesichtsfarbe unterschiedlich ausgeprägt ist. Je nach Gebiet können hellere oder dunklere Masken der Böcke dominieren. An den Jährlingen kann man hervorragend erkennen, wie sich die Maske selbst im Verlauf der Jagdzeit wandelt. Besonders im September, wenn die Stücke durch das verfärben dunkler werden, sieht das Wild älter aus, als es wirklich ist. Wie sich die Gesichtszeichnung im Leben eines Stückes genau verändert, kann nicht mit ausreichender Sicherheit gesagt werden. Viele Regeln und noch mehr Ausnahmen machen die Maske zum Schätzen des Alters also weitestgehend unbrauchbar. Der Jäger sollte seinen Blick erst auf die irreführende Maske richten, wenn er das Alter eines Stückes durch bewährte und sichere Ansprechmerkmale ermittelt hat. Das verlässlichste Merkmal der Altersschätzung am lebenden Rehwild ist die Trägerstärke in Verbindung mit dem Körperbau des Stückes. Jährlinge erkennt der  aufmerksame Jäger sofort an ihrer markanten Gestalt: Der Wildkörperer scheint schlank, der Träger ist dünn und lang, und das schmale Haupt sitzt hoch auf dem aufrechten Träger. Weil der Wildkörper noch nicht ausgewachsen ist, wirken die Läufe extrem lang und die Lauscher im Verhältnis zum Hauptsehr groß. Träger und Gestalt zweijähriger Böcke unterscheiden sich fast nicht von denen starker Jährlinge. In der Regel haben sie noch einen schlanken Träger, ein schmales, langes, spitzes Haupt und ein jüngeres Aussehen. Der Stich scheint klein, das gesamte Stück noch recht unmuskulös.

Ein Jährling Anfang September: Durch die dunkle bunte Maske mit Muffelfleck könnte das Stück durchaus zweijährig sein. Die Gesichtsfarben sind aber unsichere Altersmerkmale und oft sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ein gutes Beispiel hierfür ist dieser Ende Mai erlegte Jährling FOTOS: PAVEL SCHERER (7)
Die hellgraue, undeutliche Maske lässt ihn wesentlich älter erscheinen. Wie unterschiedlich die Maske interpretiert werden kann, wird auch an älteren Böcken deutlich: Auf Grund der Maske würde ma
jünger und
eher älter ansprechen. Beide Böcke wurden Anfang Juni erlegt und sind nachweislich vier Jahre alt.
Ein schlanker Körper auf „hohen Läufen“ und ein dünner Träger – Die eindeutigen Merkmale eines Jährlings.
Dieser Bock ist dreijährig. Das Haupt wirkt breiter und der Widerrist tritt hervor. Träger und Gestalt solcher mittelalten Stücke sind stärker geworden. Alte Böcke haben einen deutlich kürzeren Träger und das Haupt wird tief getragen
Der Schwerpunkt dieses fünfjährigen Stückes verlagert sich zum Stich. Auch der Widerrist und die Hüftknochen sind nun gut zu sehen.
Gut veranlagte Jährlinge weichen oft von der Faustregel: „Junges Wild verfärbt früher als älteres“ ab. Dieser Einjährige beginnt Ende Mai erst ansatzweise mit dem Verfärben, das Gehörn ist aber schon komplett verfegt
Hier trifft die Norm wiederum zu: Ein schwacher Jährling hat zum gleichen Zeitpunkt in die Sommerdecke verfärbt, aber noch keinen einzigen Bastfetzen gefegt. FOTO: UWE KRÜGER (3)
Am 16. Mai ist der Beginn des Verfärbens zu erahnen.
Erst am 15. Juli, zu Beginn der Brunft, zeigt er sich als „roter Bock“.

Einen dreijährigen Rehbock von einem vierjährigen nach der Gestalt und der Trägerstärke abzugrenzen, ist in den meisten Fällen fast unmöglich, da die Rehböcke in diesem Alter ausgewachsen sind. Muskulatur, Körperbau und Träger werden mächtiger und kompakt. Die Rückenlinie ist meistens gerade mit sichtbarem Widerrist (die Schulterblättertreten am Rücken hervor). Wenn schwache und schlecht veranlagte Stücke bereits in der Jugend selektiert werden, gibt es nur selten Eingriffe in der mittleren Altersklasse. Für den Heger im Revier ist also der Unterschied zwischen drei- und vierjährigen Böcken von geringer Bedeutung. Böcke, die älter als fünf Jahre sind, lassen sich gut von Jüngeren unterscheiden. Denn sie befinden sich auf dem Höhepunkt ihrer Kräfte, und das kann der Beobachter auch eindeutig an Träger und Körperbau erkennen. Eine kantige, muskulöse Gestalt, ein deutlicher Widerrist und ein dicker kurzer Träger sind klare Merkmale für das Alter. Der Schwerpunkt des Bockes verlagert sich zumStich. Auffällig sind außerdem der durchhängende Ziemer und die hervortretenden Hüftknochen. Von vorn betrachtet fallen sofort die breite Haltung und weit auseinander stehende Läufe auf. Wird ein alter Bock beim Ziehen beobachtet, springt dem Jäger sofort ins Auge, dass Haupt und Träger tief über dem Boden getragen werden.Wie bei jedem Lebewesen baut auch der Köper eines Rehbockes im hohen Alter stark ab. Mit dem achten Lebensjahr setzt bei den Stücken das Überaltern ein und sie wirken regelrecht „greisenhaft“. Die Muskulatur bildet sich zurück, und unter der schlaffen Decke sind die Knochen zu sehen. Abgemagert, mit hervorgetretenen Hüften und einem durchhängenden Rücken wird sie selbst der ungeübte Jäger zuverlässig ansprechen können. Auch die althergebrachte Regel „junges Wild verfärbt früher als älteres“ hält nicht, was sie verspricht. Ein in Gefangenschaft aufgewachsener Bockhatte vom ersten bis zum achten Lebensjahrstets Ende September sein komplettes Winterhaar. Die angebliche Tatsache, dass sich der Zeitpunkt des Verfärbens mit dem Alter ändert, ignorierte er schlichtweg. Der Wechsel des Haarkleides wird durch verschiedenste Faktoren beeinflusst. Ist ein Stück erkrankt, von Parasitenbefallen oder einfach in schlechterkörperlicher Verfassung, weicht es von der Faustregel ab. Sogar das Wettergeschehen kann zum verspäteten Verfärbenführen (dann aber bei allen Stücken). Meist dauert der Haarwechsel eines Bockes eh nur zwei Wochen. Damit ist die Zeitspanne, in der der Jäger dieses Kriterium zum Schätzen des Alters nutzen kann, auch nur sehr begrenzt. Ein sicheres Ansprechmerkmal ist der Zeitpunkt des Verfärbens nicht. Bei mittelmäßigveranlagten Stücken und alten Ernteböcken trifft der Leitsatz zwar meistens zu, aber einzelne Stücke halten sich nicht im Geringsten an die Regel. Der Haarwechsel junger Zukunftsböcke zum Beispiel kann sich bis in den Juli ziehen. Wenn der Jäger sie allein nach dem Verfärben als jagdbare  Böcke anspricht, ist die Enttäuschung über einen Fehlabschuss groß. Ein erfahrener Jäger kann das Verhalten des Wildes und dessen Umgang mit Artgenossen deuten. Speziell aus dem Sozialverhalten der einzelnen Stücke kann eine recht präzise Altersschätzung abgeleitet werden. Der Jährling ist in der Regelverspielt, neugierig, sorglos und gesellig. Wird er beunruhigt,unterliegt er entwerder seinem Forscherdrang oder springt unter intensivem, hohem Schrecklaut ab. Einjährige halten sich vorwiegend in der Nähe ihrer Ricke auf, auch wenn diese wieder neue Kitze führt. Auf den Äsungsflächen kommen sie dem Jäger sehr früh, bei bestem Büchsenlicht in Anblick. Weil ihr Territorialverhalten noch nicht sehr ausgeprägt ist, flüchten sie schnell vor älteren Böcken und plätzen und fegen nur gelegentlich. Beobachtet wurde aber, dass ausgesprochen starke Jährlinge sich hin und wieder durchaus mit älteren Artgenossen anlegen. Bei zweijährigen Böcken ändern sich die Charakterzüge. Sie sind selbstständig, ziehen besonders im Frühjahr viel umher, suchen keine Nähe zu Artgenossen und weichen älteren Böcken sogar aus. Der Kampf wird nur mit gleich starken Stücken gesucht. Als Einstände bleiben ihnen ausschließlich kleine Exklaven zwischen den Territorien der dominanteren Böcke. Wird allerdings ein alter reifer Recke erlegt, übernimmt in der Regel ein Zweijähriger das frei gewordene Territorium.

Drei- und vierjährige Böcke erobern sich selbst Territorien. In der Zeit zwischen Verfegen und Brunft sind sie sehr kampflustig und erneuern ständig die Plätzstellen an den Grenzen ihrer Einstände. Um ihre körperliche Stärke zu demonstrieren,wird intensiv gefegt. Sind sie dabei richtig in Rage gekommen, brechen sie häufig die Stämmchen der Bäume und Sträucherab oder reißen diese samt Wurzel aus dem Boden. Begegnet ihnen ein gleich starker Bock, liefern sich die beiden Kombattantenein heftiges Gefecht. Jüngere Böcke treiben sie konsequent aus ihremTerritorium. Ab einem Alter von fünf Jahren werden die Böcke sehr vorsichtig, behutsamund meiden andere Artgenossen. Selten kommt es noch zum Geplänkel. Schwache jüngere Böcke werden von ihnen sogar geduldet oder einfach ignoriert. Ihre Territorien markieren sie nicht mehr so deutlich und intensiv wie drei- oder vierjährige Stücke. Bevor diese alten Recken auf deckungsarme Flächen ziehen, sichern sie sehr lange. Im Falle einer Beunruhigung springen sie ohne großes Schrecken sofort ab.Die alten Böcke leben sehr versteckt in einem kleinen Gebiet und haben ihre Einstände in schwer zugänglichen und ruhigen Revierteilen. Der Jäger bekommt sie nur selten in Anblick. In der Blattzeit sind diese alten Böcke jedoch sehr aktiv und können öfter beobachtet werden.

Das Gefecht ist eröffnet. Typisch für das Verhalten mittelalter Böcke ist, dass sie sich mit jedem Artgenossen duellieren wollen.

Einige Jäger sind nach wie vor der Ansicht, dass das Alter eines Rehbockes nach der Stärke und dem Aussehen des Gehörns recht genau geschätzt werden kann. Diese Annahme ist schlichtweg falsch. In jeder Altersstufe kann beim Rehbock auch jede Gehörnform vorkommen.Die Lehrmeinung, dass Jährlinge erst verfärben und dann fegen, muss ebenfallsstark angezweifelt werden. Die im Gatter gehaltenen Stücke entledigten sich meist bis Ende April des Bastes und wechselten erst dann ihr Haarkleid. Im Revier werden manchmal Jährlinge beobachtet, die vor dem Fegen verfärben. Diese Stücke wurden als Kitze spät gesetzt und fegen demnach erst nach ihren Altersgenossen. Auf der Jagd nach Bastböcken muss der Jäger die Stangenspitzen als wichtigstes Ansprechmerkmal genau begutachten. Sind die Enden noch rund und dick, ist die Entwicklung der Stangen nicht abgeschlossen, und das Gehörn wird noch weiter geschoben. Ein solch vermeintlich schwach entwickelter Bastbock könnte also noch ein ansehnliches Gehörn schieben. Spitze Bast enden hingegen signalisieren, dass das Gehörnwachstum abgeschlossen ist, und der Bock in der nächsten Zeit fegen wird. Kommt Ende Juni also ein Jährlingspießer mit zehn Zentimeter langen, spitzen Bast enden in Anblick, kann er mit gutem Gewissen erlegt werden. Auch der Jungjäger hat soeben denFinger gekrümmt. Zufrieden über den sauberen Blattschuss bricht er die Bockbüchsflinte und geht nach fünf Minuten zum Anschuss. Sein erster Bock – er hat gut angesprochen und sich nicht durch die untypische Maske ins Bockshornjagen lassen: Es liegt ein halblauscherhoher Jährlingsgabler.

„Jung fegt zuerst“ – nach diesem Leitsatz müsste der Bock links älter sein. Aber diese beiden ignorieren einfach die Regel: Links ein fast komplett verfegtes, zweijähriges Stück. Der Bock rechts hat wohl vergessen, dass er mit fünf Jahren vor seinem Artgenossen fegen sollte.
Auch dieser Dreijährige hat, sehr früh für sein Alter, bereits Ende März den Bast vom Gehörn gescheuert.
wird das Gehörn noch weiter geschoben. Ein dem ersten Anschein nach schwach veranlagter Bock kann also noch ein stattliches Gehörn schieben.

mit freundlicher Empfehlung der Zeitschrift  WILDUNDHUND
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