BAUJAGD I N OBERSCHWABEN

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Weiße Teufel, graues Unheil – Bodenjäger sind eine besondere Spezies – egal ob auf zwei Beinen oder auf vier Läufen. Eine solch ausgefallene und passionierte Truppe hat THORE WOLF in Oberschwaben begleitet.

Fotos: Thore Wolf

Stickige Luft, Dunkelheit. Herbe Wittrung dringt in die feine Nase des drahtigen Parson-Russell Terriers, der sich kraftvoll und entschlossen durch die enge Röhre zwischen Sand und Wurzeln zwängt. Von weit unten lockt die markante Wittrung des Hausherrn sowie der Laut des zweiten Hundes, der Reineke bereits in seinem Kessel gestellt hat und durch hitziges Gebell zum Springen bewegen will. Doch der Rote weicht kein Stück, kämpft tapfer mit weit aufgerissenem Fang und keckerndem Schlachtruf. Es scheint, als wolle er keinen Quadratzentimeter seiner unterirdischen Behausung preisgeben. Der weiße Parson-Russell-Rüde liegt eisern vor. Fuchs und Hund scheint es an Schneid und Härte nicht zu mangeln. Über der Höhle steht eine handvoll Jäger. Gebannt blitzen ihre roten Gesichter in die eiskalte Winterlandschaft. Stets die Röhren im Auge, warten die Männer auf den Moment, in dem der Fuchs seine schützende Burg verlässt. Dumpf und hitzig ertönt der Laut des Erdhundes an die Oberfläche. Langsam kommt Bewegung ins Spiel. Zielstrebig wandert der Daumen von Bau jäger Alex Geßler an die Sicherung seiner Flinte. Doch ebenso schnell lässt er den Schieber wieder los. Entwarnung – Hündin „Duffy“ fährt rückw.rts aus der Röhre. Tief drinnen im Bau rumort es weiter. Rüde „Carlos” liegt noch immer vor. „Bestimmt steckt ein Dachs“, vermutet Alex Geßler. „Dann wird ‚Carlos‘ auch gleich wieder rauskommen.“ Doch der fünfj.hrige Rüde tut ihm den Gefallen nicht. Unterdessen läuft „Duffy“ auf dem Bau hin und her. An zwei weiteren Röhren versucht sie, ihrem Gefährten beizuschlagen, findet jedoch keinen Zugang und fährt rückw.rts wieder aus. Nervös läuft sie über die Burg, verhofft und sticht regelrecht mit ihrer Nase ein paar Mal auf den harten Boden. Plötzlich scharrt und buddelt sie energisch mit ihren Vorderläufen. In wenigen Minuten ist der halbe Körper der Terrierhündin in dem kleinen Einschlag verschwunden. Gelassen greift Geßler zur Flüsterleine, löst die Halsung und schnallt Weimaranerhündin „Anni“, die mit stoischer Ruhe neben ihm sitzt. Auf ein leises Kommando eilt sie zur Terrierhündin und unterstützt sie mit ihren großen Branten. Beide Hunde graben und scharren im Duett. Nach wenigen Minuten ist „Duffy“ im Einschlag verschwunden. „Anni“ versucht ebenfalls einzuschliefen. Die umstehenden Jäger müssen sich das Lachen verkneifen, als nur noch das silbergraue Hinterteil der Vorstehhündin aus dem Einschlag ragt. „Sie hat die Röhre gefunden – macht euch fertig“, flüstert Bauhundführer Geßler seinen Mitjägern zu und halst „Anni“ schnell wieder an. Tatsächlich, die Parson-Russell- Hündin ist durch den Einschlag in den Bau eingedrungen und gibt ebenfalls anhaltend Laut. Urplötzlich herrscht für ein paar Sekunden Stille, dann wieder ertönt der giftige Laut der beiden Erdhunde. Von beiden Seiten bedrängen sie jetzt den Rotrock. Als es für einen kurzen Moment still unter der Erde wird, kracht auch schon ein Flintenschuss. „Fuchs liegt!“ schallt es aus dem Talgrund herauf. Noch während der Ruf des Bodenjägers ertönt, beuteln „Duffy“ und „Carlos“ den strammen Fuchsrüden. Belohnung für den hartnäckigen Einsatz. „Fein gemacht!“, ruft Alex Geßler, während er zu seinen Hunden eilt. Auch „Anni“ darf den Fuchs bewinden und beuteln, schießlich hatte sie einen wesentlichen Anteil am Erfolg ihrer kleinen weißen Mitstreiter.

Terrier „Duffy“ hat die Anschlussröhre gefunden und Weimaraner „Anni“ versucht ebenfalls einzuschliefen.
Belohnung für schwere Arbeit: „Carlos“ und „Duffy“ (v. l.)) nehmen den gestreckten Fuchs in Besitz.

Zwischen den drei Hunden gibt es keinen Streit am erlegten Stück. Ein untrügliches Zeichen dafür, wie eingespielt die kleine Baujagdtruppe ist. Ebenso verhält es sich mit ihrem Führer, Alex Geßler und seinen Jagdfreunden der „Baujagdgruppe Oberschwaben“. So nennt sich der Haufen Bodenjäger selbst. Doch sie sind weder ein eingetragener Verein, noch ein unorganisierter Haufen. Sie sind einfach Freunde, die sich der Passion Bodenjagd verschrieben haben. „Wenn ich mit diesen Jungs zum Jagen gehe, passt alles“, sagt der Oberschwabe mit voller Überzeugung. Für ihn gibt es bei der Baujagd nichts Schlimmeres als undisziplinierte Mitjäger. „Während die Hunde unter der Erde arbeiten, muss absolute Stille herrschen.“ Darauf legt der Bauhundführer äußersten Wert. Er macht keinen Hehl daraus, dass er schon so manche Baujagd abgebrochen hat, weil einige Mitjäger sich nicht an die „Spielregeln“ gehalten haben. „Genau das kommt eben in unserer Truppe nicht vor“, betont Geßler. „Hier weiß jeder, wie er sich zu verhalten hat.“ Jedes Jahr beginnt für ihn Mitte November die hohe Zeit. Bis Anfang Februar bejagt er mit seinen Hunden und Freunden zahlreiche Reviere am Bodensee und in Oberschwaben. „Wenn ich die Wahl zwischen einer Drückjagd oder einer Baujagd habe, gehe ich lieber zum Bau“, beschreibt Geßler seine Leidenschaft. Für die Baujagd opfert der Presseobmann der Kreisjägervereinigung Ravensburg einen großen Teil seines Jahresurlaubes. Dabei kann es schon einmal vorkommen, dass Geßler mit seinem Wohnwagen tagelang unterwegs ist und auf der Jagd nach Reineke mehrere Reviere „bereist“. Seine Lebensgefährtin Michaela kann ein Lied davon singen: „Im letzten Jahr brachte es Alex auf 60 Baujagdtage. Ich habe genau mitgezählt! Vor fünf Jahren hat sich Alex am zweiten Weihnachtsfeiertag mit einem ‚I gang schnell zum fuchse‘ auf den Weg gemacht. Zurück kam er am 5. Januar!“ Heute hat es den 44-jährigen Ravensburger ins Revier Hauerz bei Bad Wurzach verschlagen. Zahlreiche Kunst und Naturbaue sowie Durchlässe stehen auf dem Programm. Das Wetter verspricht eigentlich einen erfolgreichen Jagdtag. Doch die Rotröcke sind anscheinend überall, außer in ihren Behausungen. Bisher wurden schon einige Röhren geprüft, aber nur ein Fuchs liegt zur Strecke.

Rüde „Carlos“ schlieft ein. Ein deutliches Zeichen dafür, dass der Bau befahren ist

Nachdem die Hunde ausgiebig an der ersten Beute des Tages gezaust haben, geht es zum nächsten Naturbau. Am Oberhang eines Baches, der sich durch einen dunklen Fichtenwald schlängelt, erstreckt sich die Festung Malepartus auf einer Länge von etwa fünfzig Metern. Leise gehen die Jäger das weitverzweigte Röhrensystem an. Es bedarf nicht vieler Worte. In der eingespielten Mannschaft kennt jeder einzelne seinen Posten ganz genau. Die Schützen postieren sich; es ist mucksmäuschenstill. Nur das Plätschern des kleinen Baches klingt in hohen und klaren Tönen durch den Winterwald. „Duffy“ und „Carlos“ werden geschnallt und springen hoch passioniert über die sandige Burg. Systematisch suchen sie eine Röhre nach der anderen ab und bewinden sie. Plötzlich verhofft der Rüde für eine Sekunde an einer Röhre und schießt wie eine Rakete hinein. Kurz darauf gibt er Laut. Sein Führer hebt den Zeigefinger, um den anderen Schützen zu signalisieren, dass der Hund vorliegt. Unterdessen hat auch „Duffy“ einen Zugang gefunden, schlieft ein und bedrängt den Fuchs von der anderen Seite. Das Geräusch des Baches übert.nt den Hundelaut. Es ist nicht möglich, ihn sicher zu lokalisieren. Plözlich rollt der Donner einer Flinte durch den Wald. Die anstehenden Jäger rucken zusammen. „Fuchs tot!“ ruft Mitjäger Sepp. Kurz darauf erscheint Hündin „Duffy“ wieder im Tageslicht. „Carlos“ liegt weiterhin vor. „Da muss noch ein zweiter Rotrock stecken!“, vermutet Geßler und fasst seine Flinte fester. Erneut steigt die Spannung. Wird er springen? Aus welcher Röhre? Den erfahrenen Bodenjägern ist trotz aller Routine die Anspannung in die Gesichter geschrieben. Das Schauspiel ist nur von kurzer Dauer. Gerade als Flieger „Duffy“ einschliefen will, schießt etwa zwanzig Meter von ihr entfernt ein Fuchs aus dem Bau. Pfeilschnell passiert Meister Reineke die Schützenkette. Jäger Georg verfolgt den Räuber mit seinen Augen, backt die Flinte an. Erster Schuss vorbei, weiterschwingen, zweiter Schuss. Der Fuchs rolliert, rappelt sich aber sofort wieder auf. Die Schrotgarbe hat ihn zu weit hinten gefasst. Sekundenschnell lädt der Schütze seine Flinte nach, doch an einen weiteren Schuss ist nicht zu denken. Die beiden Terrier sind zu nah hinter dem flüchtigen Rotrock. Erdhundführer Geßler beobachtet die Szene aus geringer Entfernung und reagiert: „Ein Fall für ‚Anni‘“, murmelt er und schnallt mit einem „Fass-Voran!“ seine Vorstehhündin. Als die Schützen das Signal hören, gehen alle Mündungen schlagartig, fast synchron nach oben. „Anni“ orientiert sich kurz, ortet die sichtlauten Terrier und startet durch. Mit raumgreifenden Sprüngen nimmt der Weimaraner die Verfolgung auf. Über Stock und Stein geht die wilde Jagd hangaufwärts. Das abwechselnd laut, dann wieder leiser werdende Geläut der Terrier ist einziges Zeugnis über den Verlauf der Hatz. Als er fast schon nicht mehr zu hören ist, steigt der Laut der Hunde wieder an. Äste knacken, Laub fliegt auseinander. Am Horizont erscheint hochflüchtig die Silhouette des Fuchses im Fichtenbaumholz. Knapp dahinter „Anni“. Den Vorteil ihrer hohen Läufe ausschöpfend, hat sie den kranken Rotrock gepackt und tut ihn ab.

Die Strecke eines Bodenjagdtages: Acht Rotröcke liegen, darunter ein Rüde mit zwölf Kilogramm (3. v. r.).
Gespannt stehen die Baujäger an. Gleich wird der Rote springen.

Geßler ist stolz auf die Arbeit seines Gespannes, das er mitunter auch scherzhaft als „Trio infernale“ bezeichnet. „Am und im Bau sind wesensfeste und körperlich gut konditionierte Hunde ein absolutes Muss“, so der Diplombetriebswirt. Was diese Worte bedeuten, lässt sich an Rüde „Carlos“ in natura betrachten: Die gut ausgebildeten Muskeln unter dem kurzen, schneeweißen Haar des Parson- Russell Deckrüden springen dem Betrachter sofort ins Auge. Aber auch Weimaraner „Anni“ und die etwas zottelige Hündin „Duffy“ stehen ihrem Gefährten in Leistung,Ausdauer und Raubwildschärfe nicht nach. Erfahrung und Training in der rauen Jagdpraxis haben die drei Vierläufer und ihr Führer zur Genüge. Seit 2005 bringen es Geßler und seine Hunde auf jährlich etwa 100 gesprengte Füchse und um die 15 Dachse. Nachdem sich die drei vierläufigen Kraftpakete ausgiebig am gestreckten Fuchs für ihre Arbeit belohnt haben, endet der Baujagdtag. „Mal hören, was es Neues bei den ‚Buben‘ im Nachbarrevier gibt“, sagt Geßler und greift zum Handy. Fünf Füchse liegen dort, darunter ein Rüde von zwölf Kilogramm. Die Strecke wird revierübergreifend gelegt. „Das ist quasi ein Muss“, betont der Oberschwabe. Auch der nächste Tag gehört der Baujagd. Pächter Bruno Zettler hat Geßler „engagiert“, um die Kunstbaue in seinem Revier zu bejagen. Die zwei weißen Terrier springen munter aus dem schwarzen Jeep. Muskelkater oder Schlaffheit durch die Strapazen des Vortages? Fehlanzeige! „Die beiden sind nicht kleinzukriegen“, sagt Geßler, als er seine Erdhunde anleint. Natürlich ist auch „Anni“ wieder mit dabei. Am ersten Kunstbau ist „Carlos“ an der Reihe. Heute wechseln sich die Hunde ab. „Niemals dürfen zwei Hunde gleichzeitig in einen Kunstbau!“, erklärt Geßler. Er betrachtet sich kurz die Umgebung und entscheidet, wo er die Schützen postiert: Einer bezieht leise den benachbarten Dickungsrand, ein anderer stellt sich an den gegenüberliegenden Waldrand. Hundeführer Geßler bleibt in unmittelbarer Nähe der Röhre. Per Handzeichen signalisieren die Schützen, dass sie bereit sind. Der weiße Rüde wird geschnallt, bewindet kurz die Röhre und schlieft ein. Nach wenigen Sekunden ertönt hitziger Laut. Kurz darauf jagt Reineke wie ein Pfeil aus dem Bau und rolliert im Schrothagel von Bruno Zettler. Während der Hall des Flintenschusses die oberschwäbische Hügellandschaft erfüllt, steckt „Carlos“ noch immer mit lautem Hals im Bau. Die drei Jäger wissen genau, was dies bedeutet: Ein zweiter Fuchs! Geduldig harren sie auf ihren Ständen aus. Nach etwa fünf Minuten schiebt sich langsam der rote Kopf des Räubers aus der Röhre. Blitzschnell schlägt der Rotrock einen Haken und flüchtet über den Bau. An einen Schuss ist in diesem Moment nicht zu denken, denn schon erscheint „Carlos“ an der Erdoberfläche und ist zu dicht hinter der Fähe. Mit großen Sprüngen jagen Hund und Fuchs über die Brombeerranken. Reineke stellt sich, weicht aber geschickt den Attacken des weißen Kämpfers aus.

… Rüde „Carlos“ bleibt dran. An einen Schuss ist nicht zu denken.
Bodenjäger
Ein Fall für „Anni“: Mit raumgreifenden Sprüngen schlägt das „graue Unheil“ dem Terrier bei und tut den Rotrock ab.

Geßler schnallt seine Weimaraner-Hündin. Mit raumgreifenden Sprüngen eilt „das graue Unheil“, wie er sie liebevoll tituliert, dem Terrierrüden zu Hilfe und beendet die wilde Hatz mit einem festen Griff. Alex Geßler und die umstehenden Jäger freuen sich über den Jagderfolg. „So einen Hund brauche ich auch, wann lässt Du ‚Anni‘ decken?“, fragt ein junger Mitjäger voller Euphorie. „Im Frühjahr 2010 ist es soweit“, entgegnet ihm Geßler, der sich bereits jetzt vor Welpenanfragen kaum retten kann.