Erfolgreich durchs Grüne Abitur

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Wie lerne ich richtig?
In jedem Frühjahr gehen die Jagdscheinanwärter in Deutschland in die letzte
Phase der Vorbereitung für die Jägerprüfung, die sich zwischen Ende März und Ende Juni abspielt.
Doch wie bereite ich mich bis dahin am besten vor, wie lerne ich am effektivsten?
Marcus Beier sagt, wie man es richtig macht.

Wer als Jungjäger die Gelegenheit hat, sollte so häufig wie möglich zur Jagd mitgehen. Hier wird unter Anleitung ein Stück aufgebrochen

Zwar ist die Jägerprüfung in jedem Bundesland anders geregelt und an andere Bedingungen geknüpft, aber überall stehen neben dem obligatorischen Schießen grundsätzlich noch eine schriftliche und eine mündliche Prüfung an. In Baden-Württemberg müssen die Prüflinge an einem anerkannten Kurs teilgenommen haben und dabei mindestens 80 Stunden theoretischen Unterricht und 40 Stunden praktische übung nachweisen. In anderen Ländern ist es Usus, dass man bei einem „Lehrherren“ ein oder mehr Jahre in die „Lehre“ gegangen ist.

Die anschließende Prüfung hat es in sich.
Der Ausdruck „grünes Abitur“ ist in diesem Zusammenhang treffend formuliert, und jedes Jahr bleiben 25 bis 30 Prozent der Prüflinge auf der Strecke. Von diesen sind es nur etwa 30 Prozent, die beim Schießen durchfallen, der Rest im theoretisch/praktischen Prüfungsteil.
Für die meisten ist das größte Problem die Bewältigung des Lernstoffes. Neben Artenkenntnissen wollen die Prüfer wissen, wie man Hunde abrichtet, Wildkrankheiten
müssen einem geläufig sein, man muss Treibjagden organisieren können, forstliches
Wissen haben und sich im Jagdrecht hervorragend auskennen. Wie diese Stoffmenge
zu bewältigen ist – also wie gelernt wird – vermitteln aber die wenigsten Kurse.
Viele angehende Jäger benötigen hier eine Hilfestellung. Nur etwa 15 Prozent der
Jungjäger sind noch in der Ausbildung, sei es als Schüler, Student oder Azubi. Diese
wissen zumeist, wie zu lernen ist – denn sie stehen noch mitten im tagtäglichen Lernrhythmus. Aber der große Rest der angehenden Jäger ist oft schon etliche Jahre
Schule, Studium oder ähnlichem entwachsen. Das wird dann zur größten Hürde für
diese Personen – denn sie wissen einfach nicht mehr, wie richtig gelernt wird.
Während der eine ein Lehrbuch einfach durchliest und den Inhalt problemlos verinnerlicht,
kann sich der andere auch nach der zehnten Lektüre den Stoff nicht merken. Einer lernt alles auswendig, der andere muss sich erst intensiv mit der Materie beschäftigen, um sich dann die Ergebnisse selbst zu erarbeiten.

Der Schlüssel zum Erfolg heißt hier:
effektives Lernen.Dazu gehört, dass man sich früh genug einen überblick über die
Materie verschafft. Durch die Menge an Stoff reicht es bei weitem nicht aus, vier Wochen vor der Prüfung zu beginnen. Dies führt fast nie zum Erfolg! Zwar laufen die meisten Kurse schon im Herbst an, aber man sollte sich den letzten Schliff lieber so früh wie möglich holen – etwa acht bis neun Wochen vor der Prüfung. Und dazu gehört, ein Lernschema zu erarbeiten, wie es in der Tabelle auf der nächsten Seite zu finden ist. Dabei sollte festgelegt werden, welchen Stoff es zu bewältigen gibt und in welchem Zeitraum einzelne Themen behandelt werden. Eine Wiederholungsphase muss natürlich dabei am Ende eingeplant werden, in der man den gesamten Stoff noch mal rekapituliert und die vorhandenen eigenen Wissenslücken erkennt. Diese Phase sollte mindestens einen Monat vor der Prüfung beginnen. Wichtig ist dabei, dass die eigene (Frei-)Zeit richtig eingeplant wird, denn neben der Vorbereitung auf die Jägerprüfung hat man normalerweise noch eine Arbeit, die nicht vernachlässigt werden kann. Und Ehepartner und Kinder wollen auch
noch was von einem haben. Urlaub, zum Beispiel an Weihnachten oder Silvester, muss berücksichtigt werden, da in dieser Zeit normalerweise nicht gelernt wird.

Es sollte auch niemals versucht werden, das Grüne Abitur parallel neben einer anderen wichtigen Prüfung abzulegen. Dazu sind die in der Jägerprüfung gestellten Anforderungen viel zu hoch, und im schlimmsten Fall fällt man durch beide. Besucht man einen Vorbereitungskurs auf die J.gerprüfung (der je nach Landesrecht Pflicht ist), bekommt man dieses Wissen „vorgekaut“. Die Ausbilder zeigen einem dabei den Umfang dessen auf, was
benötigt wird, und erklären einem die entsprechenden Fachgebiete wie Wildtierkunde.
Aber das alleinige Zuhören beim Unterricht reicht bei den wenigsten „Schülern“ aus. Wichtig ist hier vor allem die Nacharbeit des Besprochenen zu Hause. Aber nicht nur das: Auch eine gewisse „Vorarbeit“ hilft, den im Unterricht angesprochenen Stoff besser zu verdauen. Dabei kommt es natürlich noch darauf an, ob es sich um einen Kurs handelt, in dem nur vorgelesen wird und an dem dann sehr viele Leute – manchmal mehr als 50 – teilnehmen und den Ausführungen des Unterrichtes folgen (oder es wenigstens versuchen), oder ob man in kleinem Kreis lernt und wiederholt, wobei die Schüler selber aktiv werden.
Bei ersteren ist die Gefahr groß, dass der Schüler nach einer halben Stunde einfach
abschaltet. Wenn dann der Ausbilder seinen Vortrag vielleicht noch monoton vom Blatt abliest und einen das Thema sowieso nicht so sonderlich stark interessiert, kann davon ausgegangen werden, dass nach dem Unterricht genauso wenig Wissen bei den Zuhörern vorhanden ist, wie vorher. Hat man den Unterrichtsstoff aber vorbereitet – oft reicht dafür weniger als eine Stunde aus –, dann kann man auch einem didaktisch schlechten Ausbilder folgen, und das Wichtigste: der Unterricht macht einem mehr Spaß. Damit ist dann auch der Erfolg eher garantiert. Bei Kleingruppen kann der Dozent gezielter auf Schwächen der einzelnen Personen eingehen. Er kann auch mal länger bei einem Gebiet verweilen, das einigen Zuhörern schwerfällt. Die Arbeitsatmosphäre ist im Kleingruppenkurs weitaus entspannter, das Lernen intensiver und damit lohnender.

Hier sei darauf hingewiesen, dass es immer ratsam ist, noch eine Lerngruppe von drei bis maximal fünf Leuten nebenbei
zu gründen. Am besten ist es, wenn man sich vor dem Treffen allein mit einem bestimmten Thema auseinandersetzt. Beim gemeinsamen Lernabend werden dann abwechselnd Fragen zu dem vorbereiteten Themengebiet gestellt. Kann einer der „Kandidaten“ nicht antworten, erklären die anderen ihm genau, wie die Lösung lautet. Etwa zwei Monate vor der Prüfung
werden die Fragen dann auf den gesamten Stoff der Jägerprüfung ausgedehnt. In der Lerngruppe kann jeder auch seine Fragen loswerden, zu denen dann eine Lösung erarbeitet wird. Neben der Wissensstraffung und dem Erkennen der noch vorhandenen Lücken sind solche gemeinschaftlichen Abende immer mit viel Spaß verbunden.

Das Lernen zu Hause und für sich muss jeder selbst in die Hand nehmen. Und manche müssen sich hier wirklich zwingen. Der eine liest in jeder freien Minute in Fachbüchern und kann sich dadurch schon vieles verinnerlichen, der andere überträgt das Gelesene in eigene Aufzeichnungen
und Tabellen, um es sich zu merken. Wieder andere schreiben sich Stichworte auf Karteikarten, anhand derer sie lernen. Es ist erkennbar: Jeder lernt anders. Für alle gilt aber, dass die Wiederholungsphase beim Lernen das Wichtigste ist, um sich immer wieder mit dem gesamten Prüfungsinhalt zu beschäftigen und nicht den überblick zu verlieren.
Eigene Aufzeichnungen und Tabellen sind nur dann gut, wenn sie auch genutzt werden. Viele schreiben in Kursen akribisch mit, schauen aber zuhause nie wieder in ihre Mitschriften. Gerade bei Gegenüberstellungen, die auswendig gelernt werden müssen, sind selbstgeschriebene Tabellen zu bevorzugen. Diese können nach eigenen Vorstellungen aufgebaut werden. Dazu kommt noch, dass beim Niederschreiben schon mögliche Vergleichspunkte, die einem dann als Eselsbrücken dienen könnten, erkannt werden! Diese Tabellen bieten sich zum Beispiel bei Zahnformeln oder Jagdzeiten an. Karteikarten sind nicht für jeden das Richtige. Wer sie aber nutzen will, sollte sich viel Mühe mit dem Anlegen machen. Diese zahlt sich dann später beim Lernen aus. Empfehlenswert ist als Beispiel auf der Vorderseite oben groß eine Frage oder ein Stichwort hinzuschreiben. Darunter sollte dann die möglichst ausführliche Lösung stehen. Die beiden Elemente können zur  Unterscheidung verschiedenfarbig markiert werden. Meist wird die Frage in grün oder rot geschrieben, die Anwort in blau oder schwarz. Um sich zu prüfen, liest man die Frage oder
das Stichwort, legt dann die Karte zur Seite und überlegt sich die Lösung – ruhig auch
als Niederschrift auf Papier. Danach wird die Antwort mit der Lösung auf der Karte verglichen. Hierzu gehört natürlich etwas Selbstdisziplin, um nicht zu schummeln!

Grüne Abitur
Reviergänge sind immer für eine Überraschung gut: Hier hat ein Hirsch etwas verloren.Zu welcher Spezies gehören die Abwurfstangen? In die Hand nehmen, ruhig bleiben und kurz überlegen. So schafft man dann auch die Prüfung. FOTO: GÜNTHER LUDWIGS
FOTOS: MICHAEL BREUER, GIESELA BENECKE

Wichtig ist es auch, den Prüfungsablauf für die schriftliche Prüfung zu üben. Als Schüler kennt man das: Ein Blatt mit Fragen und eine Stunde, diese schriftlich zu beantworten. Aber wenn die Schule dann hinter einem liegt, fällt es vielen sehr schwer, auf eine ihnen gestellte Frage eine kurze und passende Antwort zu finden. Gerade dies wird im schriftlichen Teil der Prüfung vom Prüfling erwartet: Er soll präzise auf die ihm gestellte Frage antworten – und dazu keinen Roman oder Aufsatz schreiben. So etwas irritiert den Korrektor nur und führt unter Umständen zu einer schlechteren Bewertung. Zudem wird einem dann die Zeit schnell knapp, alle Fragen zu bearbeiten. Gerade das Schreiben ist für viele der schwierigste Teil: Sie könnten die Antwort mündlich ohne Probleme geben, schriftlich können sie sich aber nur schwer verständlich machen.

Deswegen: Den Prüfungsablauf so oft wie möglich üben. Dazu zählt, dass die Prüfungsunterlagen der letzten Jahre als Vorlage genommen werden und dann versucht wird, diese in der vorgegebenen Zeit schriftlich zu lösen. Dabei immer erst die Fragen genau lesen und sich dann eine Lösung dazu überlegen und schreiben. Viele Fehler bei der schriftlichen Prüfung geschehen durch unachtsames Lesen! Bei dem so genannten Multiple-Choice-Test  unterscheiden sich die vorgegebenen Antwortvarianten oft nur in kleinen, aber dennoch wichtigen Details. Wird hier die vermeintlich richtige Antwort angekreuzt, weil der Prüfling die Frage nicht genau gelesen oder falsch interpretiert hat, gilt diese eben als falsch beantwortet. Häufig werden die übungsfragen auch so eingepaukt und verinnerlicht, dass die Jagdscheinanwärter gar nicht mehr registrieren, wenn in der Prüfungsfrage zum selben Thema die Frage nur ein wenig umgestellt wurde. Es ist ein Unterschied, ob es in den übungsfragen heißt: Der Prämolar III ist beim Milchgebiss des Rehwildes …? (Antwort:
dreiteilig). In der Prüfung könnte die Frage dann aber lauten: Der Prämolar II ist beim
Milchgebiss des Rehwildes …? (Antwort: zweiteilig). Liest man nun im Prüfungsstress
die Frage schnell und oberflächlich, übersieht man schnell das kleine Detail in Form des fehlenden „I“, und schnell hat man die falsche Antwort angekreuzt. Daher ist das oberste Gebot: Prüfungsfragen immer zuerst sorgfältig durchlesen.

Nimmt man an einem guten Vorbereitungslehrgang teil, wird meist auch die Möglichkeit, an einer Probe-Prüfung unter
reellen Bedingungen teilzunehmen, angeboten. Das heißt, dass die Fragen mit denen
der Prüfung inhaltlich und zeitlich vergleichbar sind. Auch der mündliche Teil der Prüfung
sollte, möglichst mit anderen Prüflingen, geprobt werden. Man übt am besten – wie
in der Lerngruppe – mit einem Frage-Anwort-System, wobei einer den Prüfer spielt
und die anderen prüft. Zudem kommen bei diesem Teil des „grünen Abiturs“ (länderabhängig) noch Praxiskenntnisse ins Spiel wie die Baumartbestimmung anhand
von einigen Zweigen. Am besten man spricht vor der Prüfung mit denjenigen, die das „grüne Abitur“ im Jahr zuvor abgelegt haben. Erfahrungsgemäß hat ein Großteil der Anwärter riesige Angst vor dem mündlichpraktischen Teil der Prüfung. Diese Angst
ist eigentlich unbegründet, wenn die Vorbereitung ausreichend war. Die Prüfer sind
nämlich auch nur Menschen, die einem nichts Böses wollen. Geht man selbstbewusst
in die Prüfung und sagt bei einer Frage, auf die eben keine Antwort rauskommen will, dass man die Antwort gerade nicht parat hat, wird dies eher honoriert, als wenn man nur rumstottert oder gar versucht, Zeit zu schinden! Auf dem Markt sind etliche Bücher für die
Prüfungsvorbereitung erhältlich. Zu unterscheiden sind diese nach den allgemeinen Lehrbüchern, nach Lernsystemen, nach Zusammenfassungen von Prüfungsfragen und nach allgemeinen Lexika. Letztere sind allenfalls zum Nachschlagen von auftretenden Fragen geeignet, nicht aber, um ein Wissensgerüst aufzubauen.

Zur Prüfung kommt keiner ohne mindestens ein Lehrbuch aus. Die Unterschiede hier liegen nicht nur im Preis, sondern auch in der Darstellung der Materie. Während beim einen der komplette Stoff im Buch in Form von Frage und Antwort dargestellt wird, handelt ein anderer Autor einzelne Themengebiete chronologisch ab. Ersteres ist meines Erachtens als Lehrbuch ungeeignet, da man einfach nie über ein bestimmtes Thema eine übersicht hat. In einem so aufgebauten Buch fällt es einem schwer, zum Beispiel die Biologie einzelner Wildarten zu vergleichen.
Lernsysteme dienen, wie auch die zusammengefassten Prüfungsfragen, nur zur Überprüfung des Wissens, das bereits vorher erworben wurde. Deswegen sollten diese Lernsysteme erst im letzten Abschnitt einer Vorbereitung eingesetzt werden.
Aber alle Bücher helfen nur, wenn sie auch gelesen werden! Viele kaufen alles auf dem
Markt Erhältliche für Unmengen von Geld, um die Literatur dann in den Schrank zu stellen.
Nach der Prüfung sieht man diese Kandidaten dann häufig im Wundbett liegen. Zur Vertiefung der Kenntnisse muss man natürlich die Jagdzeitschriften erwähnen. In der
WILD UND HUND zum Beispiel werden in der Rubrik „Jäger vor Gericht“ aktuelle Entscheidungen und Rechtsfälle detailliert erläutert.

Die unmittelbare Vorbereitung zur Prüfung sollte möglichst früh beginnen, so dass man vor dem Termin nicht in Zeitdruck gerät. Organisation ist eben alles – und dann kommt am Ende kein Lernstress auf. Entsprechende Literatur einschließlich einer Jagdzeitschrift zu lesen, ist unbedingt empfehlenswert. Es ist immer hilfreich, sich einer Lerngruppe anzuschließen. Jeder Aspirant sollte den Prüfungsablauf (schriftlich und mündlich) so oft wie möglich durchspielen, um eine gewisse Routine zu erlangen. Diese Routine hilft einem dann, am Prüfungstag nicht in Panik zu verfallen und das Lösen des ersten Jagdscheines erst ins nächste Jahr oder gar auf einen noch späteren Termin verschieben zu müssen.