Gemeinsame Ziele schweissen zusammen

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Zuerst waren es nur zwei Abende pro Woche, doch nach und nach wurden auch die Wochenenden in Beschlag genommen: Schießstandbesuche, Reviergänge und Lernrunden schweißten den Kurs zu einer Gemeinschaft zusammen. Torben Köster berichtet.

Kurs
Vor der Kür die Pflicht:Bevor auf die erste Taube angebackt wird, muss man die Flinte in jeder Situation sicher handhaben können FOTOS: TORBEN KÖSTER

Nachdem nun die letzten Zweifelausgeräumt und der geeignete Vorbereitungskurs im Wildpark Lüneburger Heide gefunden war, konnte es losgehen. Die erste Unterrichtsstunde Anfang September war eine Art „Schnupperstunde“, in der sich die anwesenden Jungjägeranwärter kurz vorstellten und ihre persönlichen Beweggründe preisgaben. Die Ausbilder gewährten einen Überblick über die bevorstehende Ausbildungszeit. Bei der Aufzählung der Unterrichtsfächer und Lernbereiche war ich schon beeindruckt:Es ging von Jagdwaffenkunde, Optik und Ballistik über Wildtierkunde, Wildbewirtschaftung und Biologie bis hin zu Brauchtum, Hundewesen, Jagdrecht, Wildkrankheitenund Naturschutz. Bei mir verdichtete sich der Verdacht, dass man den Jagdschein nicht mal soeben nebenbei macht. Und so kam es auch: Der theoretische Unterricht dauerte im Schnitt zwei bis drei Stunden und fand zweimal pro Woche in der Biologieschule des Wildparks statt. Zusätzlich haben wir uns wöchentlich auf dem Schießstand getroffen. Später kamen dann noch Ausflüge und Reviergänge an den Wochenenden hinzu. Erstaunlicherweise verging die Zeit meist wie im Fluge –es macht eben doch einen Unterschied, ob man lernen will oder lernen muss. Wir waren eine ausgesprochen kleine Gruppe. Wenn man von zwei Frühaussteigern und einem gelegentlichen Besucher absieht, bestand der Kurs im Kern aus sechs Männern und drei Frauen, die regelmäßig zum Unterricht kamen und bis zur Prüfung blieben. Die kleine Gruppe wirkte sich sehr positiv auf das Lernverhalten und die Motivation aus und brachte viele praktische Vorteile wie verkürzte Wartezeiten beim Schießen mit sich. Wir haben sehr schnell Zugang zueinander gefunden, obwohl oder vielleicht gerade weil wir aus so verschiedenen Ecken kamen. Wo sonst sitzen Schüler, Physiker, Feuerwehrmänner,Recycling-Spezialisten und Marketing-Berater mit einer Altersspanne von fast 40 Jahren an einem Tisch? Vor oder nach dem Unterricht trafen wir uns regelmäßig inden umliegenden Gastwirtschaften. Das war eher ein munteres Miteinander als eine Lerngruppe oder ein Arbeitskreis. Vielmehr wurden erste Jagderlebnisse geschildert und tollkühne Thesen Berliner Jagdpolitik diskutiert. Einige hatten schon vorgearbeitet und verblüfften die restliche Gruppeimmer wieder mit Dingen, die in den Büchern noch ganz weit hinten standen. Aber das sollte niemanden beunruhigen. Es ging Schritt für Schritt voran – was man vom Flintenschießen nicht immer behaupten konnte.

Endlich auf dem Stand: Auch beim Schießen ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Deshalb nicht verzagen,wenn man die ersten Tauben nicht gleich trifft.

„So doof kann man doch gar nicht sein“, dachte ich, als ich das erste Mal einer Rotte „alter
Hasen“ beim Skeet-Schießen zusah, die regelmäßig nur etwa jede dritte Taube traf. Wie falsch ich damit lag, bekam ich dann monatelang immer mal wieder am eigenen Leib zu spüren. Das Verrückte beim Skeet war, dass jeder seine individuelle Leistungskurve hatte. Es gab den Schnellstarter, der anfangs etwa dreiviertel aller Tauben traf, um sich dann langsam, aber sicher auf zwei oder drei Tauben einzupendeln und es gab eine junge Dame, die sich zunächst ganz viel Zeit ließ und später sehr gute Ergebnisse erzielte. Ich lag immer im guten Mittelfeld – im Schnitt jedenfalls. Eine gewisse Kontinuität verdankte ich vermutlich auch der Tatsache, dass ich immer mit derselben Waffe schoss, die einem Freund gehörte und die er mir für die Zeit der Ausbildung zur Verfügung stellte. Ein Mitstreiter hatte hingegen des öfteren Probleme mit seiner Leihwaffe. Den Satz,
„Ich glaube, das Gewehr ist kaputt“, hörten wir relativ oft. In noch sicherem Abstand zur Prüfung erreichte der Kurs seine besten Schießergebnisse. Aber wirklich sicher und jeder Zeit abrufbar war das noch nicht. Ich höre noch immer das „Nein, nein, nein – der schießt wie ein Anfänger“ meines Ausbilders hinter mir, als ich nach einer bis dahin guten Runde zielsicher und selbstbewusst die letzten drei Tauben fehlte. Zu dieser Zeit – es war bereits Mitte Dezember – hatten wir im theoretischen Teil bereits einige Themen wie Hundewesen, Brauchtum und Jagdbetrieb sowie einen Großteil des Jagdrechts und der Waffenkunde abgearbeitet. Nach der Weihnachtspause ging es dann mit der Wildtierkunde
los. Und zu unserem großen Entsetzen stellten wir fest, dass die Leistungen beim Skeet durch Nichtstun auch nicht unbedingt besser werden. Wir hatten nun etwa die Hälfte der Ausbildung hinter uns – zeitlich gesehen. Vom Stoff her kam da noch einiges auf uns zu, so dass die Abende ab Februar immer länger wurden. Neben der Ausbildung verbrachte ich sehr viel Zeit im Revier. Das Zusammensein mit erfahrenen Jägern war stets eine Bereicherung, wenn man sich nicht scheute, auch vermeintlich dumme Fragen zu stellen. Die Behandlung erlegten Wildes, Fährten lesen oder auch ganz praktische Revierarbeiten lernt man draußen eben besser als über den Büchern. Die jagdliche Ausrüstung war mittlerweile schon ganz ordentlich. Entsprechende Kleidung, Rucksack, Fernglas, ein vernünftiges Messer und so weiter hatte ich längst angeschafft. So konnte man sich im Wald sehen lassen. Durch die Erlebnisse bei Drückjagden und Nachsuchen fühlte ich mich schon als „kleiner Jäger“. Aber ein gutes Stück Arbeit lag noch vor uns.