Jagen für Jungjäger
In dem folgenden Artikel haben wir für euch eine Leseprobe aus dem Buch “Jagen für Jungjäger” von Peter Burkhardt und Andreas David zusammgestellt.
Das Buch befasst sich mit den ersten Schritten als Jäger in freier Wildbahn.

Mehr Praxis bitte
Peter Burkhardt
Wieder endete ein Jungjägerkurs. Die Mehrzahl der Kandidaten bestand auch die letzte Hürde – die mündliche Prüfung. Die Prüfer waren zufrieden, die stolzen neuen Jäger sowieso. Nur wenige hatten Bedenken. Nicht, dass sie mit dem Prüfungsergebnis unzufrieden wären. Vielmehr machten sie sich darüber Gedanken, ob die zu vermittelnden Inhalte einer zeitgemäßen Jägerprüfung noch gerecht werden. Seit Jahren schon wird sie mit Passion und Hingabe von Prüfern, Ausbildern und Funktionären geführt– die Diskussion darüber, ob unsere Jägerprüfung noch zeitgemäß ist. Bei den Debatten über die Inhalte der Jägerprüfung muss man zwei Foren unterscheiden, in denen diskutiert wird: Jäger diskutieren mit Jägern oder Jäger diskutieren mit Nichtjägern, mitunter gar nicht jagenden Mitgliedern der Prüfungskommissionen– ja, so was gibt es. Im ersten Fall vermögen es die Grünröcke oft meisterlich, sich selbst im Wege zu stehen. Während sich traditionsbehaftete Kräfte beispielsweise ein Erörterungen verlieren, ob denn ein Buchenbruch ausnahmsweise legitim sei, wenn denn der Bock im leider viele Hektar umfassenden Buchenbestand zur Strecke kam, fragen sich jüngere Prüflinge, warum die Kopfbedeckung beim Reviergang – wenn überhaupt „notwendig“– denn unbedingt grün sein muss. Der Wartebruch wurde unlängst geprüft, andere verwenden dafür wohl ein Handy. Statt bedeutsamere Dinge anzusprechen,verstehen wir Jäger es nicht, einheitlich Geschlossenheit nach außen zu demonstrieren. Möge der Bock doch seinen Buchenbruch erhalten und der Prüfling mit roter Kappe zur Prüfung erscheinen. Gibt es denn nichts Wichtigeres? Doch! Während „Jäger intern“ noch immer über Brauchtum und Kleiderordnung gestritten wird, wurde übersehen, dass weite Teile der Jägerprüfung längst einen anderen Einschlag bekamen. Während wir noch immer lodengrüne Diskussionen um die Weidgerechtigkeit (waidgerecht oder weidgerecht?) führen, wurden und werden die Inhalte der Jägerprüfung immer mehr von außen diktiert. Und diese Inhalte haben zusehends häufiger nichts, aber auch gar nichts mehr, mit der Jagd zu tun. Salzwiesen versus Rebhühner? „Wird dem Naturschutz nicht immer noch zu wenig Bedeutung beigemessen?“ ist beispielsweise eine häufig diskutierte Frage. Mancher sorgt sich folgerichtig darum, ob künftig nicht auch noch der Säbelschnäbler und Steinwälzer (beides Limikolen, Regenpfeiferartige, Charadriformes…) Bestandteil der Prüfung sein sollten. Oft gefolgt von der Aussage (der Prüfer): „Wie gut,dass ich heute selber nicht die Jägerprüfung machen muss“. So äußerte kürzlich ein Nichtjäger,der aber Mitglied einer (Jäger-)Prüfungskommission ist, dass es weit wichtiger sei, die Pflanzengesellschaft einer Salzwiese zu kennen, als die Probleme von Jagdpächtern in Revieren mit vermehrtem Maisanbau. Doch neben externen Kräften taten auch die Jäger und Prüfer selbst im vorauseilenden Gehorsam einiges dazu, die Ausbildungsinhalte zu ändern und zu erweitern. Durch das Gefühl, sich selber besser nach außen verkaufen zu müssen, legten wir neue Prüfungsinhalte fest, die das „Grüne Abitur“ im Ansehen der Bevölkerung und der Politik heben sollten. Es reichte nicht mehr, dass sich die Prüflinge einer mehrmonatigen Ausbildung unterzogen. Es mussten Ausbildungs- und Prüfungsinhalte her, die nach außen dokumentieren, wie ökologisch bewandert Jäger als anerkannte Naturschützer sind. Das Märchen vom „Grünen Abitur“ Die erhoffte Signalwirkung nach außen mit unserer immer umfassenderen Ausbildung blieb aber aus. Welche Entscheider, welche Politiker erkannten die Qualität? Meist nur jene, die selber Jägerinnen und Jäger waren. Half das dermaßen erweiterte und ausgedehnte „Grüne Abitur“ das Ansehen des Jägers in der Bevölkerung anzuheben? Nein! Das Ziel, mehr Akzeptanz für Wild, Jagd und Jäger zu schaffen, wurde verfehlt. Jede Jagdhornbläsergruppe leistet mit ihren Auftritten mehr. Zudem vergaßen wir selber, sowohl unsere Ausbilder als auch unsere Prüfer, dass auch ein Abitur nur eine
Berechtigung zum Studium ist. Berechtigung, liebe erwürdige „alte Hasen“, nicht Studienabschluss! Nur eines haben wir erreicht: Die Jungjägerausbildung wurde restlos mit
praxisfernen Dingen überfrachtet. Um nicht missverstanden zu werden:
Eine angemessene Jägerprüfung ist auch in Zukunft unabdingbar. Aber warum werden oft Inhalte abgefragt, deren Dimensionen und Verknüpfungen jeder Jäger erst in vielen
Praxisjahren verinnerlicht? Oder schlimmer noch: Inhalte, die der Proband auch nach Jahren nicht brauchen wird. „0 1 3 3“ – den Rest der Zahnformel haben Sie doch sicher
noch im Kopf …

Warum müssen unsere Probanden DAS lernen? Apropos müssen: Muss ein Jungjäger diverse Fakten über Rackelwild wissen, wo doch schon Auer- oder Birkwild kaum noch vorkommt, geschweige denn jemals wieder legal zur Strecke kommen wird? Da war sich vor kurzem ein Prüfer nicht zu schade, es so zu formulieren: „Das gehört zum jagdbaren
Wild, das müssen Sie aber wissen“. Wundert es da, dass der Mann auch noch den Schneehasen prüfte? Welchem Jäger hat denn das Wissen um die 9,3 x 72, ein heute noch
„weit verbreitetes“ Kaliber im Jagdbetrieb, konkret genützt? Kaufen Sie sich eine Waffe nur nach der Vorgabe, dass sie unbedingt in Ulm (Beschusszeichen beachten!) beschossen
wurde? Haben Sie jemals bei Pirschbeginn vor dem Laden, auf dem Hochsitz beim erneuten Laden und schlussendlich nach dem Abbaumen nach Entladevorgang durch den Lauf geschaut? Nein? Dann wären Sie in verschiedenen Jägerschaften durch die Waffenprüfung gefallen! Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Das verstehe ich unter Spielräumen,
die wir nicht nutzen. Warum tun wird das nicht? Merke: Vieles wird heute noch so ausgebildet und geprüft, wie wir es schon vor 30 Jahren taten. Der Kern der Problematik unserer Ausbildung in Bezug auf den späteren Jagdbetrieb verdeutlicht folgendes Beispiel: Jungjäger Hans-Heinrich konnte zwar jede Veränderung der Zähne eines Überläufers lückenlos aufzählen, beschoss dann aber beim zweiten Ansitz an den Kartoffeln eine mittlere Sau aus einer großen Rotte, in der auch diverse Frischlinge vorkamen. Den Anschuss fand er nicht, das Stück lag nicht, das ging wohl vorbei. Genauere Angaben zu
dem Stück konnte er nicht machen. Was wurde ihm im Kurs beigebracht, was nicht? Er hat das gelernt, was sich schön einfach in einer Prüfung abfragen und überprüfen lässt. Dieses Wissen hätte übrigens in Form einer kleinen Fibel zum geneigten Nachschlagen einfach überreicht werden können. Vor dem Schuss nützte ihm das gar nichts. Nicht gelernt hat er das Ansprechen. Es wurde schlicht nicht unterrichtet. Die Abbildungen im Lehrbuch waren
zu mager, die einmalige Exkursion zu einem Wildgatter machte, um im Sprachbild zu bleiben, den Bock auch nicht fett. Anschüsse merken und kontrollieren, war auch kein
Thema. Dies alles sind ausdrücklich keine Vorwürfe an den Jungjäger.
Was könnte, was muss also besser laufen? Wir müssen unsere Schwerpunkte
– beispielsweise im Fach Wildtierkunde – wieder auf „Äußerlichkeiten“ und nicht auf die
„Innereien“ richten. Einen Fisch, der den Haken nicht tief geschluckt hat, kann ich dank guter Ausbildung schonend enthaken und ihn wieder ins Wasser entlassen. Ein Schuss ist
unumkehrbar. Das Ansprechen ist folgerichtig das A und das O! Doch wo wird dieser wichtige Bereich hinreichend unterrichtet? Und weiter: Wieviele Prüflinge brechen
im Zuge ihrer Ausbildung auch nur ein Stück Schalenwild auf oder versorgen ein Stück Federwild? Wie viele von ihnen brechen gar mehrere Stücke auf? Wie viele sind in
der Lage, richtig zu zerwirken?

Was braucht der Jungjäger im Jagdalltag?
Die zuvor angesprochenen Überlegungen sollen keinesfalls in die Richtung gehen, die Jägerprüfung zu einer Alibiprüfung mit Geschenk-Charakter zu degradieren. Insbesondere im Bereich Waffenumgang sowie bei der Sicherheit im Jagdbetrieb können und dürfen keine Abstriche gemacht werden. Wir haben doch Spielräume im Prüfungsspektrum
– nur werden diese viel zu selten genutzt. Erinnert sei auch an den gespannten, geschlossenen und eingestochenen Repetierer, der so dem Prüfling angeboten wird – das
ist nur noch reine Schikane. Was bleibt, ist ein Verband, der es als einzige Organisation deutschlandweit versteht, neue Mitglieder zu verhindern!

Die Autoren sprechen hier aus eigener Erfahrung! Beide bilden seit langer Zeit Jungjägerinnen und -jäger aus, und sie prüfen zudem seit mehreren Jahren. Außerdem veranstalten sie gelegentlich Seminare für die frisch gebackenen Jünger/innen Dianas. Daher kennen sie alle Seiten, erleben Anwärter und Prüflinge aus unterschiedlichen Jägerschaften und diversen Jagdschulen ebenso wie Jungjäger/innen bei ihren ersten Gehversuchen in der Wildbahn. Das Fazit aus Sicht der Autoren, aber auch – und dies ist viel wichtiger – das Fazit der Jungjägerinnen und Jungjäger selber nach ihren ersten Schritten: Wir machen unsere Neulinge nicht fit für die Praxis! Bringen wir daher den Mut auf, die Jägerprüfung zu entschlacken! Mehr Praxis bitte, mehr Unterricht draußen, zudem Teilnahmen innerhalb des Jungjägerkurses an Seminaren wie „Wildbrethygiene“, ein integrierter „Aufbrech- und Zerwirkkurs“, Entfernungen schätzen – und immer wieder Ansprechübungen an lebendem Wild, um nur einige Vorschläge zu nennen. Ziel der Jägerprüfung muss es sein, naturinteressierten Menschen die Jagd in der Kulturlandschaft nahezubringen, und ihnen ein solides handwerkliches Fundament mit auf den Weg zu geben. Nicht alles soll einfacher werden, aber praxisnäher! Drei Dinge sollten dabei im Fokus stehen:
1.) Korrektes Ansprechen
2.) Sicheres Schießen
3.) Handwerklich sauberes Verwerten
Wenn wir diese Punkte erreichen könnten, hätten wir elementare Grundlagen für die spätere Jagdpraxis gelegt. Besinnen wir uns darauf, dass wir Jäger ausbilden, keine
Nationalpark-Ranger, Veterinärmediziner, Zoologen oder Büchsenmacher…


Impressum: Jagen für Jungjäger
Einbandgestaltung: Nicola von Ravenstein, RZ
Titelbild: Katrin Burkhardt
Bildnachweis: Alle Bilder und Grafiken von den Verfassern, wenn nicht anders gekennzeichnet.
Alle Angaben in diesem Buch wurden nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Für einen eventuellen Missbrauch der Informationen in diesem Buch können weder die Autoren noch der Verlag oder die Vertreiber des Buches zur Verantwortung gezogen werden. Eine Haftung für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
ISBN 978-3-275-02143-7
Copyright © by Müller Rüschlikon Verlag
Postfach 103743, 70032 Stuttgart
Ein Unternehmen der Paul Pietsch Verlage GmbH & Co. KG
1. Auflage 2018

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Die Autoren geben Vorschläge für eine praxisgerechte Schießausbildung, welche der folgenden Aussagen ist richtig?
a: In der Prüfung sollen 5 Schuss auf 300 m abgegeben werden.
b: In der Prüfung sollen 5 Schuss sitzend aufgelegt auf 100 m abgegeben werden.
c: In der Prüfung sollen mit der Faustfeuerwaffe 5 Schuss auf den laufenden Keiler abgegeben werden.
Tragt einfach den richtigen Buchstaben als Lösungswort, sowie eure Daten ein.
Teilnahmeschluss ist der 12.12.2018

