Keilerjagd in Litauen

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KEILERJAGD IN LITAUEN

Elche, Hirsche, schwarze Bassen

Keilerjagd

Ein kohlrabenschwarzer Stangenelch mit silberfarbenenLäufen wechselt vor meinem Stand durch den kniehohen Pulverschnee. Sein Atem steigt dabei in kleinen Wolken auf, um davonzuziehen und sich in der frostigen Luft zu verlieren. Der passt! Noch fester umklammern meine eiskalten Hände die Büchse. Dann geht alles ganz schnell – entsichern, anschlagen. Als das Absehen auf dem riesigen Blatt zur Ruhe kommt, ist die Kugel raus. Im Schuss bricht mein erster Elch zusammen. Jagdfieber schüttelt mich. Doch als ich zur Seite schaue, steht die blonde Stewardess neben dem Sitz, die mir vor wenigen Minuten noch einen Orangensaft gebracht hat. „Sie müssen sich jetzt anschnallen. Wir landen in wenigen Minuten in Vilnius“, sagt sie mit tschechischem Akzent.Die nächste Ernüchterung kommt beim Blick aus dem Fenster. Statt reichlich Schnee empfängt mich leichter Nieselregen. „Die Temperatur in Vilnius beträgt vier Grad“, sagt der Kapitän. Recht untypisch für diesen Monat.Im Durchschnitt ist es im Januar mit minus sieben Grad Celsius deutlich kälter. Die Tiefstemperaturen können sogar auf 25 Grad unter Null fallen. Beim Zoll und der Passkontrolle läuft alles reibungslos,und bereits eine Viertelstunde nach der Landung steh eich in der Empfangshalle des Flughafens. Hier erwarten mich bereits der Veranstalter sowie die Vertreter der Firmen Aimpoint, Heckler und Koch, Merkel sowie Peltor –die mich zum Test ihrer Produkte eingeladen haben. Mit von der Partie sind gut ein Dutzend Jagdjournalisten und Waffenspezialisten sowie Händler aus Spanien, Italien,Frankreich, Finnland, Österreich und den VereinigtenStaaten. Nach der Begrüßung und gegenseitigem Vorstellen geht es gleich weiter, denn bis zum Hotel liegen noch 180 Autobahnkilometer vor uns. Unterwegs machen wir Halt an einem Schießstand, an dem jeder Teilnehmer sich eine Waffe aussuchen kann. Ich entscheide mich trotz verlockender Doppelbüchse imKaliber 9,3×74 R und super-schneller H&K Selbstladebüchse 2000 Light für den neuen Suhler Kurzreptierer imKaliber 9,3×62 – den „Exoten“ aus dem Merkel-Programm.Montiert ist ein Rotpunktvisier von Aimpoint, als Munition steht das bleifreie Naturalis von Lapua zur Verfügung.Die Nacht war nur kurz. Und auch heute, am ersten unserer drei Jagdtage, sieht es mit dem Wetter nicht viel besser aus. Es ist zu warm, und geschneit hat es auch nicht.Wenigstens regnet es nicht mehr. Es ist noch dunkel, als sich der Bus mit den Jagdteilnehmern in Bewegung setzt.Am Horizont ist bereits ein feiner Silberstreifen zu erkennen– der Morgen naht. Das scheint auch der litauische Fahrer des alten „Russendiesels“ bemerkt zu haben, der dem betagten Bus die zwanzig Minuten ins Schwarzwild-Revier „Raseiniai“ mächtig die Sporen gibt. Dabei hebt es jedes Mal die Korona der Jäger aus ihren Sitzen, wenn er wieder eines der zahlreichen Schlaglöcher trifft. Rumms! Da war schon wieder eins.Es wird heller und heller, und der Blick aus dem Fenster verrät, dass es nicht nur gestern, sondern die letzten

Fotos: Christian Schätze
Ausdauernd: Auf die Laikas war beim Aufspüren der Schwarzkittel immer Verlass

Tage, vielleicht sogar Wochen sehr stark geregnet haben muss. Die Brachen, Wiesen und Äcker stehen unter Wasser. „Normalerweise wäre das jetzt alles Schnee“, raunt mir mein spanischer Nachbar auf englisch zu. Ich nicke und hebe erneut von meinem Sitz ab. Dass muss Schlagloch Nummer 28 gewesen sein. Endlich biegen wir in den Wald ab. Die Treiberwehr mit ihren orangefarbenen Westen ist schon da. Nach dem Verlosen der Stände geht es endlich los – der 200-Kilo-Keiler wartet schließlich. Ein Waldarbeiter soll mich und meinen finnischen Nachbarn zu den Ständen bringen. Im Gänsemarsch wackeln wir ihm auf einer Rückeschneise hinterher, die von schweren Fahrzeugen tief ausgefahren wurde. Wenn jemand gesagt hätte, dass hier regelmäßig Panzer entlangkrachen – ich hätte es geglaubt. Die Tiefe der mit Moor und Regenwasser gefüllten Fahrspur ist nur zu erahnen. Während wir auf einem schmalen Steg aus Schlamm, Ästen und Nadelstreu balancieren, versucht der Führer mit einem gewagten Sprung auf die andere Seite des „Kanals“ zu kommen, rutscht dabei aber aus und … landet mitten in der Fahrspur.
Aha – das Wasser reicht also bis zum Bauchnabel. Mein finnischer Kollege sieht mich an, schüttelt den Kopf und muss grienen. Der Forstmann sieht’s sportlich – klettert aus der eiskalten Brühe und zuckt nur mit den Schultern. Dabei laufen ihm einige Liter Wasser aus der Hose. Weiter geht´s. Endlich am Stand, können wir in der Ferne bereits die Rufe der Treiber und das Geläut der Laikas hören. Der Führer hockt sich 20 Meter neben mich hinter eine dicke Fichte. Schweres Wild wechselt an. Nur schemenhaft erkenne ich im Stangengewirr der nahen Fichtendickung zwei riesige schwarze Wildkörper. Keiler! – schießt es mir durch den Kopf. Im Doppelpack? Doch als sich die beiden Stücke aus dem Dunkel der Verjüngung lösen, erkenne ich sie deutlicher– ein Elchalttier und dessen starkes Kalb. Mit raumgreifenden Schritten stehlen sie sich aus dem Treiben. Herrlich, dieser Anblick. Kurz darauf knackt es schon wieder.Dieses Mal sind es jedoch keine Elche, sondern es ist ein Keilerchen, dass flott spitz auf mich zugezogen kommt. Als es nur noch 45 Meter entfernt ist, trete ich aus dem Schatten der dicken Fichte, worauf der Überläufer abdreht und das 17,5 Gramm Naturalis erhält.
Er quittiert den Treffer mit kurzem Klagen, schlegelt und ist verendet. Schon kommt der Jagdführer herbeigeeilt, klopft mir auf die Schulter und zieht eine Flasche Johnny Walker aus seinem Rucksack. Ich will zuerst ablehnen, schließlich folgen noch fünf Treiben, nehme dann aber doch einen winzigen Schluck. Es mögen gut 15 Minuten vergangen sein, als mein „längst verendeter“ Schwarzkittel wieder versucht, hoch zu werden. „Das gibt`s doch nicht!“ Schnell ist die Merkel entsichert und der Schuss raus. Auf den Treffer hin ruckt der Überläufer, setzt seinen Weg aber fort. „Ritsch“ fliegt die leere Hülse im hohen Bogen raus und gleitet mit „ratsch“ die nächste Patrone ins Lager. Die nächste Kugel geht im dichten Unterholz fehl. Ritsch-ratsch – bumm. Das Geschoss findet sein Ziel, der Wutz verschwindet dennoch im hohen Gras.
Das Nachsuchengespann findet das Keilerchen später mit zwei Schüssen in der Kammer und einem unterhalb der Nieren 100 Meter weiter verendet in seiner Fährte. In den kommenden Treiben fallen reichlich Schüsse, und neben ein paar Frischlingen und Überläufern kommen auch drei Keiler zur Strecke. Ich bin trotz der „Überläufer-Geschichte“ begeistert,denn bis zum Abend habe ich noch fünf Elche, einen Rothirsch und einige Rehe vor. Über Nacht sind die Temperaturen auf Null gefallen, geschneit hat es aber noch immer nicht. Beim Einsteigen in den Bus wirft der „Outfitter“ einen Blick auf unser Schuhwerk und schüttelt mit dem Kopf. Kaum einer hat Gummistiefel dabei, die er im heute zu bejagenden Revierteil für extrem wichtig hält. „Ach was, so schlimm wird’s schon nicht werden. Gestern ging es doch auch“, sagt einer und zeigt auf seine gefetteten knöchelhohen Jagdschuhe. Dass es nicht geht, erleben alle eine halbe Stunde später hautnah im Revier. Während man am Vortag fast überall trockenen Fußes hinkam – von kleinen Ausrutschern einmal abgesehen, sieht die Lage heute gänzlich anders aus. Das neue Revier gleicht einem gefluteten Auenwald. Erlen, Birken, Eichen und Weiden dominieren das Bild. Auf den Wegen versucht zäher Schlamm den alten Russen-Bus am Vorankommen zu hindern. Mit durchdrehenden Reifen und jämmerlich aufheulendem Dieselmotor kämpft er sich voran.

Neben Schwarzwild kam auch dieser Marderhund mit schönem Winterbalg zur Strecke

Ab einem bestimmten Punkt geht es nur noch zu Fuß weiter. Zwischen den Bäumen steht das Wasser knöcheltief! Nur einpaar dicke Grasbüschel und Binsen ragen aus den Fluten heraus. Aus den Gesichtern der Jäger ist Ratlosigkeit abzulesen. Nur noch die „Gummi- und Neoprenstiefel-Fraktion“ wirkt locker und entspannt.Auch meine „tollen“Winterstiefel, für die zwar minus 20 Grad keinProblem sein sollen,können bei diesen Bedingungen nur scheitern. Mit Los-Nummer 13 in der Tasche, der schweren Fotoausrüstung auf dem Rücken und dem geschulterten Gewehr geht es los. Im Gänsemarsch kämpfen wir uns durch zähen graubraunen Schlamm, der kiloweise an den Schuhen kleben bleibt und einem die Kraft raubt. Nach und nach wird es noch feuchter, doch das ist egal, da die Lederschuhe sowieso „durch sind“. Die Miene meines Vordermannes verfinstert sich schlagartig, als er in einem Moment der Unachtsamkeit vom „Weg“ abkommt und dabei in ein tiefes Loch tritt. Das „neoprenummantelte Hightech-Schuhwerk mit atmungsaktiver Innenmembran“ füllt sich schlagartig mit einem Gemisch aus stinkendem Moorwasser und Schlamm.Beim Versuch, den Stiefel schnell wieder herauszuziehen, blieb dieser jedoch nicht nur stecken, sondern säuft auch der zweite,noch trockene Camouflage-Stiefel ab.Dabei tröstet den weitgereisten Waidmann keineswegs, dass er nun lediglich das Schicksal der anderen Jäger teilt. Trockene Füße hat schon lange keiner mehr. Nach 800 Metern erreiche ich meine Insel – denn die Bezeichnung Stand trifft es nicht wirklich. Wohin ich schaue: Wasser, Wasser und nochmals Wasser. Ich komme mir etwas verloren vor, schließlich stehe ich inmitten eines dicht mit Erlen und einigen jungen Fichten bewachsenen „Sees“ und warte auf Schwarzwild. Naja, wenigstens habe ich wieder festen Boden unter den Füßen. Auf einem umgekippten Baum wird der Fotorucksack fest geschnallt, denn zum Abstellen ist auf dem Eiland kein Platz. Mit dem Brillenputztuch säubere ich das Rotpunktvisier,danach den Repetierer, da auch die beiden gehörig Schlamm abbekommen haben. Zwanzig Minuten passiert nichts, nur ein aufgeregter Schwarzspecht fliegt laut schimpfend vorbei. Sonst herrscht völlige Ruhe. Es graupelt kurz,und die aus dem Wasser ragenden Baumstämme,Äste und Inselchen bekommen weiße Krönchen. Dann geben plötzlich Hunde Laut, und auch die Rufe der Treiber kündigen Wild an. Platsch… platsch… platsch – dann ist wieder Ruhe. Das Geräusch wird immer lauter, und schon taucht im wahrsten Sinne des Wortes der Verursacher aus einem überschwemmten Erlendickicht auf. Einstarker Bock kämpft sich mit kräftigen Sprüngen durch die Fluten, immer wieder bis an die Keulen versinkend. Auf der nur 15 Meter entfernten Nachbarinsel macht er Rast und sichert zurück. Ohne zu zögern nimmt er mit einem weiten Sprung wieder das Wasser an und ist halb rinnend und halb springend schon bald den Blicken entschwunden.

Teamarbeit: Nur mit größter Anstrengung konnte dieser 120 Kilo-Keiler aus dem Sumpf geborgen werden

Da kommen auch schon die Treiber –die Watstiefel tragen. Seelisch und moralisch stelle ich mich auf den Rückmarsch ein, als doch noch ein Stück Wild anwechselt – schweres Wild. Es klingt, als triebe man ein Pferd durchs Wasser. Sicher ein Elch, denke ich, als zwei Schüsse aus der„Heckler & Koch“ meines übernächsten Nachbarn fallen. Bumm, ein dritter. Doch statt aufzuhören, wird das Geräusch noch lauter. Das Stück kommt also näher. Da feuert auch schon mein schwedischer Nachbar beide Läufe seiner 9,3er Doppelbüchse ab. Doch auch die können das Stück nicht stoppen. Wasser spritzt, Äste krachen, mit lautem Getöse bricht ein riesiger Keiler keine50 Meter an meinem Stand vorbei. Obwohl ein paar dünne Fichtenäste den Bassen verdecken, schwinge ich mit und drücke ab, als der rote Punkt des Visiers vordem Blatt ist. Mit einem Tritt gegen meineSchulter verabschiedet sich die Kugel. Fastzeitgleich wirft es den Keiler wie von einem riesigen Hammer getroffen ins moorige Wasser, das er in seinem kurzen aber heftigen Todeskampf schaumig schlägt. Dann ist Ruhe und das Treiben zu Ende. Drei Schützen eilen nun zum Gestreckten,der im tiefem Wasser liegt. Blassrosafarbener Lungenschweiß blubbert noch immer aus dem Ausschuss. Kein Wunder,dass er so schnell zu Boden ging, denn die Kugel hat beide Blätter durchschlagen. Bei näherer Untersuchung finden sich noch drei weitere „Löcher“ auf dem Stück. Zwei im Kaliber .308 und eine Neunkommadrei des schwedischen Nachbarn, die den Brustkern streifte. Unglaublich, wie weit der wohl erst drei Jahre alte, aber 120 Kilogramm schwere Keiler damit noch gegangen ist. Der Outfitter wünscht mir mit einem Fichtenzweig in der Hand und einem breiten Lächeln Waidmannsheil,ich bedanke mich – lehne den Bruch aber ab. Schließlich haben vor mir schon zwei andere Waidmänner auf den Keiler Dampfgemacht und auch getroffen. „Ne!“, sagt Albertas, der litauische Jagdreiseveranstalter.„In Litauen immer der Jäger zuletzt auf Schwein schießt – Erleger“, erklärt er mir die Regeln. Ich überlasse dennoch meinem schwedischen Jagdfreund das Stück, der sich mächtig darüber freut.Das letzte Treiben findet in der Nähe eines riesigen Sees statt. In den vor uns liegenden abgelassenen Fischteichen haben sich letzte Nacht die Sauen gesuhlt und nach Fraß gebrochen. Nicht nur einpaar, sondern einige Dutzend müssen das gewesen sein. Mein Blick fällt auf das Trittsiegel eines Hauptschweins, in dem locker meine Hand Platz hat. In Gedankenversuche ich mir auszumalen, welche Ausmaße solch ein „Klavier“ haben muss.Doch obwohl ab und zu ein Schuss fällt, kommt der erhoffte 200-Kilo-Keiler heute nicht zur Strecke und lässt sich auch nirgendwo blicken.Nach drei großartigen, schneelosen,aber auch sehr anstrengenden Jagdtagen –an denen 22 Sauen, ein Fuchs und auch ein Marderhund zur Strecke kamen – falle icherschöpft in meinen Flugzeugsitz. Ich muss an einen Satz aus meinem Reiseführer denken: „Der größte Reichtum Litauens ist die Natur“, steht darin geschrieben. Ich kann dem nur zustimmen, denn auch so mancher Elch, Rothirsch, Auerhahn und Schneehase kreuzte unseren Weg. Als die Maschine startet, fallen zum Abschied tatsächlich noch ein paar dicke Schneeflocken vom Himmel.
Christian Schätze