Nachsuchen auf Rehwild

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NACHSUCHEN AUF REHWILD

Häufig unterschätzt Der hauptberufliche Schweißhundführer der Kreisjägerschaft des Herzogtum Lauenburgs hat über 400 Nach- und Kontrollsuchen auf Schalenwild im Jahr – davon 50 auf Rehwild. Und das sind oftmals die schwierigsten. Chris Balke

Nachsuchen auf Rehwild
Fotos: Chris Balke

Nachsuchen auf Rehwild? Kein  Problem, denken sich viele Jäger  und Hundeführer. Dabei sind gerade  diese Nachsuchen besonders schwer  und anspruchsvoll, denn das Reh ist das  Leichtgewicht unter unserem heimischen  Schalenwild. Es wiegt häufig nicht  mehr als 18 Kilogramm und sorgt deshalb  für relativ geringe Bodenverwundung.  Extrem schwierig wird es, wenn das  kranke Stück beispielsweise im Getreide  eine Treckerspur annimmt, die im Sommer  meist völlig trocken ist – da bleibt  fast keine Wittrung haften. Außerdem ist  unser Rehwild im Gegensatz zum Rot-,  Dam-, Muffel- oder Schwarzwild ein  Fluchttier. Ich habe es bisher bei rund  600 Nachsuchen auf Rehwild nur einmal  erlebt, dass ein Bock sich gestellt hat. Lieber  flüchtet das kranke Stück, bis es  schließlich vom Hund niedergezogen  und gehalten wird.  Bock & Co. sind sehr territorial, haben  ein Einstandsgebiet von zirka zehn bis  zwanzig Hektar, das sie nur ungern verlassen  wollen. Das wiederum bedeutet,  dass das nachzusuchende Stück ständig im Kreis umherzieht, Haken und Widergänge  anlegt, weil es in seinem Territorium  bleiben will. Alles andere als einfach  für das Nachsuchengespann!

Im Generellen sollte der Jäger seinen  Hund nur bei Weidwund-, Leber- und  Lungenschüssen nachsuchen lassen. Entscheidend  ist aber, dass das erst passiert,  nachdem vier Stunden seit dem Schuss  verstrichen sind. Dann ist das Stück  schon sehr krank, geht ins Wundbett und  ist meistens bereits verendet, wenn man  es findet.  Alle anderen Nachsuchen sollte man  dem Profigespann überlassen, weil sie hohe  Anforderungen an Hund und Führer  stellen. Aber auch hier gilt die Regel: Arbeitsbeginn  erst vier Stunden nach dem  Schuss. Dann setzt das Wundfieber ein,  und die Schockwirkung lässt nach –  wichtig für die spätere Hetze. Bei der  Nachsuche selbst, man kann es wirklich  nicht oft genug sagen, ist reden, rufen  oder gar schreien absolut tabu. Wer lautstark durch den Busch marschiert,  müdet das Stück wieder auf, das  dann vorzeitig seinen Einstand verlässt –  noch schwieriger für den Hund.   

Beim ersten Ausgehen der Schweißfährte  ohne Hund sollte der Schütze immer  daran denken, nicht direkt auf der  Fährte zu laufen. Sonst setzt sich der  Schweiß unter den Schuhen fest und man  legt selbst lauter Verleitungen. Deshalb  bitte unbedingt immer neben der  Schweißfährte gehen  Ich habe es schon häufig genug erlebt,  dass Jäger bereits mit verschiedenen Hunden  versucht haben, das angeschweißte Stück zu finden, bevor sie mich angerufen  haben. Ist ja auch verständlich, denn  jeder Jäger meint, einen von ihm selbst  super ausgebildeten Ausnahmehund am  Strick zu führen. Leider ist hier aber weniger  mehr: Lieber gleich den Profi ranlassen  – vor allem dann, wenn der Fall so  aussieht, als sei er einfach zu lösen.  Ein „klassisches“ Beispiel: Im Mai hatte  ein Jäger frühmorgens einen Bock beschossen,  der daraufhin umgefallen war,  wieder hoch wurde und flüchtig abging.  Der Jäger wartete keine Sekunde, baumte ab und setzte seinen Jagdterrier am Anschuss  an, schnallte ihn. Nach zweieinhalb  Stunden kam der Terrier völlig abgehetzt  wieder.  Dann rief er mich an. Als ich zum „Tatort“  kam und den Anschuss genauer untersuchte,  fand ich Röhrenknochen und  Wildbretschweiß. „Wahrscheinlich hoher  Lauftreffer“, sagte ich zu dem Unglücksschützen.  Ich setzte meinen erfahrenen  Bayerischen Gebirgsschweißhund  „Uri“ an. Das Gras war noch feucht vom  Tau – eine enorme Hilfe für die Hundenase,  denn die Wittrung bleibt in der Nässe  besser haften. Deshalb sollte man auch  nie um die Mittagszeit nachsuchen, wenn die Sonne auf den Boden knallt und jede  Wittrung aufsaugt – es sei denn, das Stück  Rehwild wurde erst um 10 Uhr oder später  beschossen.

Zurück zum krankgeschossenen Bock:  „Uri“ legte sich kräftig in den Riemen. Ab  und zu stießen wir auf ein paar Tropfen  Schweiß. Schritt für Schritt arbeiteten wir  uns voran, und endlich – nachdem wir  rund zwei Kilometer zurückgelegt hatten  – prasselte es vor uns: der Bock! Ich  schnallte „Uri“. Kurze Hetze, niederziehen, festhalten – schnell hin und abfangen.  Verrückt – dem Bock hatte man bei  seiner Flucht gar nicht angesehen, dass er  einen Laufschuss hatte. Er war vollgepumpt  mit Adrenalin, kein Wunder,  denn der Terrier hatte ihn stundenlang  vorher kreuz und quer durch seinen Einstand  verfolgt.  Als wir uns dann den Bock genauer ansahen,  stellten wir fest, dass er bereits gekrellt  worden war. Die Wunde war vielleicht  zwei Wochen alt und wieder gut abgeheilt.  Im Hochsommer wäre er daran  elendig verendet, denn dann lassen Fliegenmaden  die Wunde nicht heilen. Aber  im Frühjahr haben gekrellte Stücke eine  gewisse Überlebenschance – wahrscheinlich  hatte der Schütze, der für diesen  Schuss verantwortlich war, den Anschuss  nicht gefunden oder einfach nicht genau  hingesehen.

Apropos Anschuss: Häufig genug habe  ich es erlebt, dass viele Jäger gar nicht  genau wissen, wo der Anschuss überhaupt  ist. Es ist sogar nachvollziehbar: Irgendwann  zieht das ersehnte Stück Wild  auf die Wiese. Jagdfieber setzt ein, die  Waffe wird angebackt, entsichert, aber  stopp: Ist es überhaupt ein Schmalreh? Ist  es überhaupt „mein“ Bock? Noch einmal  genaues Ansprechen, Wild durchs Zielfernrohr  beobachten, warten, bis es breit  steht – „bumms“ ist der Schuss raus. Kein  Wunder, dass man dabei häufig vergisst,  darauf zu achten, ob in der Nähe vielleicht  ein Baumstamm lag, ein Zaunpfahl  in der Verlängerung stand oder das Stück  durch Klatschmohn oder Gras zog.  Inzwischen haben ja viele Jäger einen  Entfernungemesser im Gepäck, ob nun  integriert im Fernglas oder Zielfernrohr  oder eben als seperaten Messapparat. Hat  man vor dem Schuss die Entfernung gemessen,  kann man sich das zunutze machen.  Hin in Richtung Anschuss und ab  und zu den Hochsitz anvisieren und  „zurückmessen“, und schon vermeidet  man, eventuell 20 Meter zu weit oder zu  kurz zu suchen.  Hat der Jäger den Anschuss gefunden,  bitte nicht unnötig darauf herumlaufen.  Wenn etwas entdeckt wird, zum Beispiel  Knochensplitter, Schweiß, Pansen – egal  was, aufheben, in ein Taschentuch wickeln  oder eine leere Filmdose packen und mitnehmen.  Das ist besonders wichtig, wenn  das Stück abends beschossen wurde. Sonst  kommen nämlich Marder, Fuchs, Dachs  etc. und räumen alles ab, was sie finden.  Am nächsten Morgen ist der Anschuss  „wie geleckt“, Analyse unmöglich.  Noch etwas zu den Kalibern: Ich bin  auch bei Rehwild der Meinung: Viel hilft  viel (siehe WuH Heft 6/2006, Seite 46). Es  ist für das Nachsuchengespann immer  einfacher, wenn eine „dicke“ Pille gezündet  wurde, deren Geschoss für Ausschuss  und reichlich Schweiß sorgt. Noch wichtiger  aber ist es, vor Aufgang der Bockjagd  ab und zu auf den Schießstand zu gehen  und dort mit seiner Büchse zu üben.

Anfang Mai mucken viele Jäger wie  verrückt – das ist jedenfalls meine Erfahrung.  Sie neigen dann zu Tiefschüssen. Je  wärmer es aber wird, die Vegetation ordentlich  wächst, wird viel gekrellt. Klar,  der Bock steht im Getreide in der Fahrgasse  oder in der hohen Wiese, und es ist  nur die Hälfte oder sogar nur die Rückenline  zu sehen. „Passt schon irgendwie“,  denkt sich der Schütze, der oben auf dem  Hochsitz thront, „halte ich eben ein Stück  weit runter. Kein Problem.“ Instinktiv  aber zieht man dann doch das Gewehr im  Schuss hoch, weil ja Getreide oder Wiese  das Blatt verdecken, und schon ist der  Bock gekrellt.  Jäger, die ihr Rehwild bevorzugt mit  der 5,6×52 R oder 5,6×50 R erlegen, sollten  von solchen „Aktionen“ erst Recht  Abstand halten. Auch wenn sie von oben  nur einen halben Meter durch Wiese  oder Getreide schießen, kommt beim  Bock von dem Geschoss in dem Kaliber  nicht viel an. Da kann man sich mit der  .30-06, 8×57 oder 9,3×62 etwas mehr zutrauen.

Wer eine Kombinierte hat, die auch  mit der Brenneke verlässlich schießt, sollte  in ähnlichen Situationen statt des kleinen  Rehwildkalibers auf das Flintenlaufgeschoss  als Notlösung vertraut werden,  wenn der Bock in passender Entfernung  steht. Es fliegt langsam, durchschlägt  den Wildkörper und entwertet  weniger Wildbret, als manche glauben.  Außerdem liefert es Schweiß – das A und  O für jede Nachsuche. Das soll jetzt aber  natürlich kein Freibrief dafür sein, froh  und munter durch den Bewuchs zu feuern.  Optimal ist es natürlich, wenn das  Stück frei und breit steht und die Geschossbahn  nicht durch herunterhängende  Äste versperrt ist – keine Frage!  Es gibt auf der Jagd nichts Schlimmeres  als die Selbstübersch.tzung – das gilt für  die eigene Schießfertigkeit genauso wie  für seinen Hund und die eigene Nachsuchen-  Erfahrung. Die falsche Einschätzung  des eigenen Könnens, das sollte man  sich immer wieder vor Augen halten,  geht immer zu Lasten des Wildes.