Welcher Welpe passt zu mir?

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Keiner gleicht dem anderen

Ein neuer Jagdhund soll angeschafft werden. Dabei stellt sich die Frage, ob es wieder dieselbe Rasse sein muss oder man sich für eine neue Erfahrung entscheidet. Worauf der zukünftige Besitzer auf jeden Fall achten sollte, erklärt Manuela van Schewick.

Die Jagd hat viele Traditionen, und wen wundert es, dass auch die Auswahl des Jagdhundes davon geprägt ist. Traditionen sind sicher im Grundsatz positiv, aber der Blick über den Tellerrand ist es auch. So stellt sich die ketzerische Frage, ob jeder Hund, der in unseren Breiten traditionell für bestimmte Aufgaben geführt wird, auch wirklich immer die richtige Wahl ist.

Viele Jäger entscheiden sich immer wieder für dieselbe Rasse, was nicht unbedingt zu kritisieren ist. Man sollte aber immer im Hinterkopf behalten, dass Hunde, die derselben Rasse angehören, sehr wohl große individuelle Unterschiede zeigen können. Vertrauen Sie nicht nur dem einen Beispiel, das Sie persönlich erlebt haben, nicht nur der Aussage eines Züchters oder einer Rassehundbeschreibung im Internet. Lassen Sie Sorgfalt bei der Wahl Ihres Hundes walten, denn er wird für lange Zeit Ihr Partner sein.

 

Wer vor der Entscheidung steht, welcher Hund ihn in den nächsten Jahren ins Revier begleitet, sollte immer zuerst überlegen, für welche Aufgaben sein Vierläufer welche Anlagen haben muss, um den Anforderungen gerecht zu werden. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Mensch hochspezialisierte Jagdhelfer gezüchtet, deren besondere Fähigkeiten in Teilbereichen der Jagd liegen. Wie alles in der Welt unterliegt auch die Jagd einem stetigen Wandel. Einige Spezialisten von früher, beispielsweise Windhunde, sind heute in unseren Breiten gar nicht mehr einsetzbar. Da wenige in der glücklichen Lage sind, viele Spezialisten auszulasten, müssen Jagdhunde heute mehrere Bereiche abdecken. Idealerweise sollten innerhalb einer Reviergemeinschaft Hunde mit unterschiedlichen Ver­anlagun­gen geführt werden.

Veranlagung und Wesenseigenschaften

Wer Spaß daran hat, mit einem Hund zu arbeiten, wer sich ein wenig mit dem Verhalten und der Lern­fähigkeit von Hunden auseinandersetzt und ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinem Vierläufer auf­bauen konnte, wird erstaunt sein, zu welchen Leis­tungen dieser fähig ist. Diese Leis­tungen haben natürlich ihre Grenzen, wo schlicht die Veranlagung fehlt. Wer einen Vorstehhund benötigt oder ständig zur Entenjagd geht, wird keinen Teckel kaufen. Und bei einem Golden Retriever, der absolut zuverlässig eine Schweißfährte arbeitet, wird niemand davon ausgehen, dass er zwangsläufig auch die nötige Wildschärfe für eine Hetze besitzt.

Unsere Hunde haben jedoch weit mehr Wesenseigenschaften als beispielsweise die besondere Befähigung zum Apportieren oder Vorstehen. Zum Teil sind diese Eigenschaften auch eng mit der Veranlagung verbunden, weshalb gerade sie uns bei der Jagd zum unersetzlichen Helfer werden. Wer sich einen Terrier für die Bodenjagd zulegt, wird sich wünschen, dass dieser im Ernstfall die nötige Passion zeigt. Er soll selbstbewusst sowie selbstständig agieren und nicht bei der Begegnung mit Dachs oder Fuchs in Rückzugsverhandlungen eintreten.

Von einem solchen Hund, der über Jahrhunderte auf das Stellen und früher auch auf das Abtun von Raubwild gezüchtet wurde, wird niemand ernsthaft eine ausgeprägte Unterordnungsbereitschaft erwarten dürfen. Das lässt natürlich nicht den Schluss zu, dass diese Hunde nicht zu erziehen oder zwangsläufig unverträglich mit Artgenossen seien. Manche Rassen erfordern jedoch meist mehr Einsatz und Konsequenz in der Ausbildung als andere.

Da nicht alle Jäger auf großen Anwesen leben und unendlich Platz sowie Zeit für ihre Hunde haben, sind die äußeren Gegebenheiten und die persönliche Lebenssituation als Kriterium nicht von der Hand zu weisen. Wer im städtischen Umfeld lebt und nur selten Gelegenheit zur Jagd hat, darf die Bedürfnisse der erwählten Rasse nicht außer Acht lassen, auch wenn es sich nach Leistung, Exterieur und Wesen um einen Traumhund handelt. Der Traum wird schnell zum Albtraum, wenn ihr hochmotivierter Vierläufer aus jagdlicher Leis­tungszucht das Haus umgestaltet und auch im Wald erst mal durchdreht, weil er schlicht und einfach nicht ausgelastet ist.

Häufig bekommt man die Empfehlung, sich lieber für einen kleineren Hund zu entscheiden. Das kann ich so nicht ganz stehen lassen. Ich kenne manchen Kleinen Münsterländer oder Terrier, die verdammt gute Ideen zur Umgestaltung des Hauses haben, obwohl die Wohnung von der Größe her passend ist. Das Temperament des Hundes, sein Bedürfnis zu arbeiten und die dafür notwendige Zeit sind viel entscheidender als die Größe der Rasse.

Familiensituation hinterfragen

Die Berücksichtigung der persönlichen Lebenssituation umfasst auch die Frage, ob der Hund gleichzeitig Familienhund sein soll. Gab es früher oft kritische Stimmen dazu, so wird heute sicher niemand mehr in Frage stellen, dass sich die Einbindung in die Familie eher positiv auf die Leistung des Hundes auswirkt. Ein Hund kann sehr wohl unterscheiden, ob Spiel mit den Kindern oder ernsthafte Arbeit angesagt ist. Dass die Kinder wissen müssen, wie sie sich dem Hund gegenüber zu verhalten haben, versteht sich von selbst.

Beim Welpenkauf ist Vorsicht geboten, denn manch gewiefter Hundevermehrer bietet „handgemachte“ Ahnentafeln an, die für Jäger praktisch ohne Wert sind. Hat der Welpe aber Papiere eines Rassezuchtverbandes, der dem Jagdgebrauchshundverband (JGHV) angehört, ist dies bereits ein sicheres Indiz für die Seriosität des Züchters.

Gute Züchter sind in der Regel so begeis­tert von ihren Hunden, dass sie sich über reges Interesse der Welpenkäufer freuen. Sie informieren gerne umfassend und werden alle Papiere inklusive Untersuchungs- und Prüfungsergebnissen zeigen. Ein seriöser Züchter hat nichts zu verheimlichen und wird sich deshalb nicht weigern, alle seine Hunde – vor allem die erwachsenen – zu präsentieren. Das, was Sie dabei sehen können, ist von besonderer Bedeutung. Ihr Augenmerk sollte sich hier weniger auf die äußeren Haltungsbedingungen richten als vielmehr auf die Beziehung von Menschen und Hunden:

.   Fällt Ihnen am Verhalten der (erwachsenen) Hunde etwas besonders negativ oder positiv auf?

.   Haben die Hunde Vertrauen zu ihren Besitzern?

.   Machen sie einen zufriedenen, freundlichen, sicheren Eindruck oder wirken sie eher ängstlich, unsicher, zeigen unangemessenes Aggressionsverhalten?

.   Begegnen die Züchter ihren Tieren mit souveräner Freundlichkeit oder ist eher Stress und unnötige Härte angesagt?

.   Wenn Sie das Verhalten der Mutterhündin betrachten, könnten Sie sich vorstellen, dass dies „Ihr“ Hund ist?

.   Wirken die Welpen aufgeweckt, sind neugierig und an fremden Menschen sehr interessiert?

Umweltreizeanbieten

Der besonders engagierte Züchter wird für zusätzliche Reizquellen sorgen. So lassen sich zum Beispiel im Auslauf der Welpen flatternde Bänder anbringen. Schrägen oder kleine Wippen, Gitter oder Stege, leicht erhöht über dem Erdboden, die der Welpe überwinden kann, fördern ebenso seine körperliche Geschicklichkeit wie seine Umweltsicherheit. Gerade für Jagdhunde sind Reize aus dem Revier, wie frische Fuchsbälge, natürlich noch reizvoller.

Die Lernfähigkeit eines Welpen ist extrem hoch. Für die Aufgabe, die unser erwachsener Jagdhund zu erfüllen hat, können bereits jetzt die Grundlagen gelegt werden. Das Gehirn eines 16 Wochen alten Welpen ist zu 80 Prozent ausgewachsen, und alle wichtigen Verknüpfungen haben bereits stattgefunden. In dieser Zeit wird er wie ein Schwamm alles in sich aufsaugen, was sich lernen lässt, Positives wie Negatives.

Ein ausreichendes Angebot an Apporteln oder ein Betonrohr für den künftigen Bauhund trainieren bereits viele Fähigkeiten. Sollte sich der Züchter die Arbeit machen, gelegentlich dem einzelnen Welpen eine Futterschleppe anzubieten oder ihn spielerisch einen Lauf oder eine Schwinge apportieren zu lassen, sind die Voraussetzungen für den Start ins Arbeitsleben des Hundes ideal.

Je enger die Zusammenarbeit von Mensch und Hund sein soll, umso mehr Führigkeit muss vom Vierläufer erwartet werden. Diese enge Verbindung setzt aber auch eine höhere Sensibilität beim Führer voraus. Wer auf eine exakte Zusammenarbeit mit seinem Hund bei der Jagd angewiesen ist, muss nicht nur dessen Signale erkennen und einordnen können, er muss auch auf die korrekte Arbeit seines Hundes vertrauen dürfen.

Die Einschätzung der eigenen Persönlichkeit sollte auf die Auswahl des Hundes entscheidenden Einfluss haben. Muss es sein, dass ein eigentlich „fröhlicher“ Gordon Setter seine Rute unter der Nasenspitze trägt? Wäre sein Führer nicht vielleicht besser mit einem Deutsch-Drahthaar zurechtgekommen, der schon mal eher eine Unbedachtheit im Handeln seines Menschen verzeihen kann? Muss eine hochpassionierte Bracke unter der Autorität ihres Besitzers die Arbeit verweigern, weil einfach zu viel Unterordnung verlangt wird?

Überlegen Sie gut, ob Sie mit dem sensibleren Hund an Ihrer Seite glücklich werden können, oder ob sie sich eher einen Dickschädel zutrauen, der auch mal einen schärferes Kommando erträgt. Nur das Team, das sich durch ein vertrauensvolles Verhältnis und eine enge Bindung auszeichnet, wird auch gute Arbeit leisten.

Fazit: Die saubere Zwingeranlage und die guten Papiere allein sollten Ihnen nicht genug sein. Stellen Sie hohe Anforderungen an den Züchter des Hundes. Vertrauen Sie ihm aber auch bei der Auswahl des richtigen Welpen. Ein guter Züchter kennt seine Hunde besser als ein Interessent nach wenigen Besuchen, in denen er immer nur einen kleinen und nicht unbedingt richtigen Eindruck von einzelnen Welpen bekommt. So muss beispielsweise ein kleiner Rabauke, der überall mitmischt und recht „dominant” erscheint, gar nicht mehr so souverän sein, wenn er außerhalb des Rudels auf sich allein gestellt ist. Ebenso muss der Welpe, der bei den Besuchen immer am Rand saß und das Geschehen beobachtete, durchaus keine Schlafmütze sein. Er ist vielleicht der Souveränste in der Truppe.

Wenn der neue Jagdgefährte gute Anlagen und der Züchter ordentliche Arbeit geleistet hat, dann liegt es in Ihren Händen, den Rohdiamanten zum Strahlen zu bringen. Bauen Sie das Vertrauen zum Menschen, das er in der Kinderstube mitbekommen hat, weiter auf.

Der Mensch als Sozialpartner

Die ersten Lebenswochen eines Hundes sind von elementarer Bedeutung. So entscheidet sich zum Beispiel bereits in den ersten sieben Lebenswochen, wer potenzieller Sozialpartner sein kann oder nicht. Diese Zeiten unterscheiden sich rassespezifisch zum Teil deutlich. Während bei einigen Terriern die Zeit früher verstrichen ist, sind Golden- und Labrador Retriever eher Spätentwickler. Tritt der Mensch in dieser Zeit nicht ausreichend als Sozialpartner in Erscheinung, ist eine vertrauensvolle Bindung später kaum noch möglich.

„Ausreichend“ bedeutet nicht etwa, dass der Zwinger regelmäßig ausgespritzt und pünktlich Futter hingestellt wird. Der Welpe muss die Möglichkeit haben, den Menschen als soziales Lebewesen „abzuspeichern“, dessen Bewegungen und Verhalten einschätzen zu lernen, Körperkontakt herstellen zu können, über Pflege und Spiel Vertrauen aufzubauen.

Bereits in den ersten beiden Lebenswochen, wenn Hör- und Sehvermögen noch nicht „aktiviert“ sind, erfährt der Welpe Umweltprägung über Geruchssinn und taktiles Empfinden. Sprich, der Welpe, der immer wieder den Geruch des Menschen in Verbindung mit angenehmem Körperkontakt (Wärme, gestreichelt werden usw.) wahrnimmt, ist bereits positiv auf ihn geprägt, noch bevor er ihn eräugen und vernehmen kann. Wächst der Welpe im häuslichen Bereich auf, hat er, anders als bei reiner Zwingerhaltung, den Menschen ständig in seiner Nähe. Er lernt nebenbei alle optischen und akustischen Reiz­quellen des Haushaltes kennen und als ungefährlich einzustufen.

Es ist dabei von besonderer Bedeutung, dass der kleine Hund mit verschiedenen Menschen konfrontiert wird. Ein Kleinkind bewegt sich anders, riecht und spricht anders als ein Schulkind, Männer, Frauen, ältere Menschen, farbige Menschen oder solche mit starken Behinderungen, alle sind unterschiedlich in ihrer Erscheinung. Je mehr Personen der Welpe auf positive Weise kennenlernt, desto sicherer wird er später im Umgang mit allen Menschen sein.