Wiedererkennen von Böcken

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Böcke
3-jährig Dieser Kapitalbock zeigte stets viel Masse, ob als Dreijähriger, ein Jahr später (unten) oder als Fünfjähriger (links). In diesem Jahr wurde er erlegt und brachte 24 Stunden nach dem Abkochen mit Oberkiefer knapp 800 Gramm auf die Waage

Einstandstreu bis in den Tod
Wildfremde Böcke auf das Alter hin anzusprechen, ist äußerst schwer bis unmöglich. Doch wer die Einstände und deren Böcke kennt, hat gute Chancen.

1-jährig

Burkhard Winsmann-Steins
Im Jahr 2000 erlegte ich einen alten und auch starken Bock am Rande eines Feldgehölzes in Südschweden. Sein „Beibock“ war ein guter Jährling, den der Platzbock duldete. Den freigewordenen Einstand besetzte im nächsten Jahr ein blutjunger Sechser. An seinem linken Lauscher bemerkte ich eine winzige Kerbe. Sollte das der Jährling vom letzten Jahr sein?
Zum Glück hatte ich diesen Jüngling auch fotografiert. Mit der Lupe entdeckte ich auf den Vergrößerungen tatsächlich die unscheinbare Kerbe. Es war also hundertprozentig der gute Jährling vom Vorjahr. Mit Mühe konnte ich den dortigen Jagdaufseher überzeugen, dass man diesen „Senkrechtstarter“ keinesfalls auf die Decke legen sollte. Gefährdet war er
vor allem durch eine vielbefahrene Straße, die er täglich mindestens zweimal überquerte.

2-jährig

Wir waren natürlich gespannt, was er als Dreijähriger für ein Gehörn schieben würde. Eigentlich war ich etwas enttäuscht, als ich ihn zum ersten Mal genauer ansprechen konnte. Ein gutes Gehörn, doch für die Region Schonen nichts Besonderes. Noch enttäuschender war seine Krone als Vierjähriger, denn er hatte in der Masse deutlich abgenommen. Sein Gehörn als Fünfjähriger hatte zwar gute Dachrosen, war ansonsten aber ziemlich „normal“. Da sich 2004 ein Mastjahr ankündigte, beschlossen wir, ihn mindestens bis 2005 zu schonen. Was wird er dieses Jahr bringen? Noch im Bast hat ihn der Jagdaufseher bestätigt. Seine Angaben über die Stärke sind mit Vorsicht zu genießen, denn nichts täuscht mehr als ein Bastbock! Spätestens im Juni werde ich mit der Kamera auf ihn pirschen und vielleicht mit der Büchse im August?

3-jährig Dieser Bock aus Schonen in Südschweden machte den typischen großen Sprung in der Gehörnentwicklung vom Jährling zum Zweijährigen. In den Folgejahren legte er aber nicht mehr in dem erhofften Maße zu. Die Aufnahmen zeigen ihn rechts von oben nach unten mit drei, vier und fünf Jahren. Auffällig im fünften Jahr der starke Träger und die ausgeprägten Dachrosen

Normalerweise bezieht der Territorialbock seinen Sommereinstand im Frühjahr und verteidigt ihn bis Ende der Brunft. Es kann sein, dass er im Oktober, weit entfernt vom Einstand, friedlich äsend mit anderen Böcken auf einem Rapsfeld steht. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er im nächsten Frühjahr wieder konsequent – manchmal auch rabiat – sein angestammtes Territorium verteidigt.
Nur einmal habe ich erlebt, dass ein alter Kämpe einem jüngeren Platz machte und seinen Einstand um wenige 100 Meter verlegte. Der Jagdaufseher erlegte den Alten, und das Rätsel war gelöst. Wohl durch einen Unfall waren beide Rosenstöcke gebrochen, so dass er vermutlich einem Kampf aus dem Wege gegangen ist.
Dies kann man jedoch als seltene Ausnahme bezeichnen, denn normalerweise wird der Sommereinstand bis zum Verenden des „Revierinhabers“ beibehalten. Allerdings erlebte ich auch einige Uriane, die zum Ende ihres Lebens reichlich senil waren und die Brunft Jüngeren überließen – auch im Einstand! Erst nach dem Tod des Alten wird das Territorium wieder von einem zwei- oder dreijährigen Bock besetzt. Deshalb ist immer Vorsicht geboten, wenn im Frühjahr plötzlich ein unbekannter Starker auftaucht. In der Regel ist der immer jung!

4-jährig
5-jährig

Geschichten von alten Böcken, die neue Einstände besetzen, haben sich immer als Irrtum herausgestellt. Allerdings sind besonders in Waldrevieren „Einstandsüberschneidungen“ häufig. Und wenn auch noch ein Wildacker angelegt wird, ziehen die Böcke von weither zu diesem „Magneten“ Der Monat Mai, in dem man ja hauptsächlich Jährlinge erlegen sollte, ist ein guter Zeitpunkt, die jetzt aktiven grauen Platzböcke zu bestätigen. Am besten notiert man sich die Raufbolde im Notizbuch. Eine kleine Zeichnung ist sehr hilfreich. Noch besser ist natürlich ein gutes Foto! Man glaubt gar nicht, was man während eines Jahres alles vergisst! Ich erlebe immer wieder, dass sich Revierinhaber an den Bock vom Vorjahr nicht mehr erinnern können. Eine Kerbe im Lauscher ist natürlich unverwechselbar. Es gibt aber auch noch andere Merkmale, die ein Wiedererkennen erleichtern. So fallen einige Sommerböcke durch eine besonders dunkelrote Decke auf, andere sind eher fahl. Nach meinen Erfahrungen bleibt die Farbe der Decke das ganze Leben bestehen und hat nichts mit dem Alter zu tun.
Herzog Albrecht von Bayern führte in seinem Buch „Über Rehe“ die Ausformung der Muffel (die Demarkationslinie zwischen den schwarzen und hellen Partien des Windfangs) an, die bei jedem Reh individuell gezeichnet ist. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass diese Methode äußerst schwierig in der jagdlichen Praxis anzuwenden ist. Dazu benötigt man schon scharfe Fotos aus nächster Nähe. Da sich die Auslage eigentlich nie verändert (Ausnahme nur bei Bast- und Rosenstockverletzungen), ist sie in der Praxis eine ganz wesentliche Hilfe beim Wiedererkennen von mehrjährigen Böcken.

Böcke
3-jährig Dieser Kapitalbock zeigte stets viel Masse, ob als Dreijähriger, ein Jahr später (unten) oder als Fünfjähriger (links). In diesem Jahr wurde er erlegt und brachte 24 Stunden nach dem Abkochen mit Oberkiefer knapp 800 Gramm auf die Waage
4-jährig
5-jährig

Ein typisches Beispiel dafür ist der „Enggestellte“ . Er behielt seine Auslage stets bei und wurde als Siebenjähriger erlegt.
Der Kapitalbock ist an der Physiognomie des Gehörns deutlich wiederzuerkennen. Die Stellung der Stangen und der Ansatz zur Vereckung sind immer gleich geblieben. Er schob sein stärkstes Gehörn mit fünf Jahren und wurde gestreckt. Der Kapitale fiel schon als Jährling durch Masse und Perlung auf. Zum Zeitpunkt der Erlegung kündigte sich ein Mastjahr an. Deshalb wäre es interessant gewesen, wie sich das auf seine Gehörnentwicklung ausgewirkt hätte. Doch der spätere Erleger hatte schon drei Jahre gewartet.

5-jährig
6-jährig
7-jährig

Den abnormen Bock
habe ich an derselben Stelle im Jahr 2000 und 2001 herangeblattet. Wohl durch eine Bastverletzung hatte er 2001 die „Augsprosse“ geschoben. Doch an seiner typischen Auslage war er leicht einzuordnen. Im Oktober 2001 wurde er erlegt und war nach dem Zahnabschliff sicher achtjährig.
Es ist immer schwer, sehr starke, aber junge Böcke „über die Jagdzeit zu bringen“. Ein blutjunger Achterbock sollte auch geschossen werden, weil man annahm, dass
er nur einmal im Leben diese seltene Gehörnform schieben würde. Zum Glück blieb er am Leben, und im nächsten Jahr war seine Achterkrone noch stärker geworden. Mit Wohlwollen konnte man ihn sogar als ungeraden Zehner bezeichnen. Bin gespannt, wie er sich dieses Jahr präsentieren wird.

Sollte ein Bock zwischenzeitlich
zurücksetzen, darf man ihn nicht gleich zum Abschuss freigeben, denn er kann im nächsten Jahr die alte Stärke erreichen oder gar übertreffen. Deshalb lässt sich auch nicht mit Bestimmtheit sagen, der Bock trägt mit so und soviel Jahren sein stärkstes Gehörn. Es kommt ganz auf den „Gehörnjahrgang“ an. Mastjahre sind meist gute Gehörnjahre. Einen ganz wesentlichen Einfluss übt aber auch die Sonneneinstrahlung im Winter aus. Es spielen also viele innere und äußere Faktoren zusammen, und deshalb kann das stärkste Gehörn schon mit drei Jahren, aber unter Umständen auch erst mit acht Jahren geschoben werden.
Es gibt jedoch auch Gehörnträger, die ihr ganzes Rehbockleben nur jämmerliche Stangen auf dem Kopf tragen. Im heimischen Revier fotografierte ich im April 2000 den sogenannten „Schlappohrbock“. Das letzte Mal bestätigte ich ihn im August 2004. Leider gelang mir all die Jahre kein weiteres Foto von ihm. Sein Gehörn blieb über die Jahre fast unverändert und höchst mittelmäßig. Er behielt seinen Einstand an der Reviergrenze, zog aber sehr selten auf die andere Seite. In unseren kleinen Revieren sind die Grenzen natürlich der Hauptgrund dafür, dass die Böcke nicht alt werden. Eine Absprache mit dem Nachbarn kann sehr förderlich sein. Man tut es oft nicht, weil man keine „schlafenden Hunde“ wecken will. Leider wird oft auf alles Dampf gemacht, was „Hörner“ auf dem Haupt trägt! Zum Glück hat man den „roten Punkt“ auf den Trophäenschauen abgeschafft, doch das soll nun nicht heißen, dass man jeden Jüngling auf die Decke legen muss. Das Schlimmste erlebte ich einmal im Staatsforst, als ich die Strecke einer sogenannten „Intervalljagd“ in Augenschein nehmen durfte. Die grauen Maiböcke auf der Strecke sind schon kein besonders schöner Anblick. Wenn aber bei den meisten auch noch der Kiefer bis zu den Lauschern aufgeschärft wurde, dann bekommt das Ganze einen beinahe grotesken Charakter. Davon werden die Böcke auch nicht älter!
Bei den vielen Mehrjährigen, die ja im Mai eigentlich geschont werden sollten, war nicht ein einziger dabei, den man als „richtig“ bezeichnen konnte. Macht eine solche Bockjagd wirklich Freude? Die Altersansprache bei Rehböcken ist äußerst schwierig. Wer seine Böcke aber von Jahr zu Jahr wiedererkennt, der weiß auch in etwa ihr Alter. Warum geben wir uns beim Rehbock nicht die Mühe, die wir uns zweifelsfrei beim Rothirsch machen?

7-jährig
8-jährig