Wiederladen – lohnt sich das?

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Wiederladen – Reizvoll ist es schon, die Büchsenpatronen selber herzustellen. Sogar Vollmantel und Teilmantel mit gleicher Treffpunktlage für den Fuchsansitz im Winter ist machbar. Aber was muss der Jäger investieren, bevor er die erste eigene Patrone in den Händen hält?

Wiederladen
Foto: Lukas Wernicke

Armin Liese
Eine Packung selbstgeladene Munition schenkte mir zur bestandenen Prüfung ein Jagdfreund. Seitdem habe ich stets Büchsenpatronen von der Stange gekauft. Es ist der einfachere Weg, und meine Büchse schießt mit allen bis heute getesteten fünf Patronen von unterschiedlichen Herstellern. Auch unterschiedliche Geschossgewichte verträgt der 98er ohne große Streukreise. Immer wieder lese ich über das Wiederladen, meist von ausgefallenen Kalibern. Wäre das nicht auch was für mich? Ich führe eine 7 x 64, sicher kein Exot. Trotzdem interessiert mich, was Wiederladen für Vorteile hätte und wieviel Geld ich investieren muss, wenn ich meine Munition in Zukunft selber stopfen will.

Gießkannenprinzip
Kontrollschuss mit der Büchse vor der Bockjagd – das alljährliche Ritual. Dabei gibt es manchmal Abweichungen, die gerne auf den Schützen oder die Waffe abgeschoben werden. Aber es gibt noch einen weiteren einflussreichen Grund: die Munition. Kennen Sie das Problem, dass die Kipplaufbüchse mit dem schwereren Geschoss gut schießt, das zwei Gramm leichtere aber deutlich streut? Dabei wäre das leichte viel interessanter, da die Flugbahn gestreckter ist und eine Bergjagd im Herbst ansteht. Oder das schwere Geschoss hat eine super Wirkung und macht kaum Hämatome, streut aber wie mit der Flinte geschossen. Kein Munitionshersteller wird bewusst schlechte Munition fertigen, aber die Qualität der Komponenten schwankt doch erheblich. Zündhütchen, Pulver und Geschoss müssen harmonieren. Die Patrone muss schließlich noch mit dem Gewehr zusammenpassen: Fertigungstoleranz, Drall, Lauflänge und Wirkung im Wildkörper sind entscheidende Faktoren für Präzision und Effektivität.

Lizenz zum Stopfen
Um die Lizenz zum Stopfen zu bekommen, ist ein Lehrgang Pflicht. Die Abschlussprüfung muss vor einer Kommission abgelegt werden, in der ein Vertreter des Amtes für Arbeitsschutz sitzt. Bereits davor muss ein polizeiliches Führungszeugnis und eine Unbedenklichkeitsbescheinigung beantragt sein. Mit dem Wiederladerschein darf ich dann Treibladungspulver kaufen, besitzen und verarbeiten. Es ist kein Zufall, dass die Präzisionsschützen, die sich auf mehr als 300 Meter messen, fast alle Wiederlader sind: Der entscheidende Vorteil ist die hohe Präzision. Keine Maschine kann so genau dosieren wie der Mensch. Zusätzlich kann die Patrone auf die jeweilige Waffe perfekt abgestimmt werden.

Das LLE-Einsteigerkit für Wiederlader alle notwendigen Komponenten. Zusätzlich muss für jedes Kaliber die passende Matritze gekauft werden. Werksfoto Lee

Preisvergleich
100 Schuss 7 x 64 brauche ich ungefähr im Jahr – Jagd und Schießstand zusammen. Das ist meine Vergleichsgröße. Wenn ich sie selber laden will, benötige ich Geschosse, Pulver und Zündhütchen, vorausgesetzt ich habe vorher genug hochwertige Hülsen gesammelt. Die Verbrauchsmaterialien für 100 gestopfte Büchsenpatronen liegen bei 66 Euro (siehe Kasten Komponenten). Zuvor muss ich noch die Geräte kaufen. Ein Einsteigerset von LLE (Aniversary) gibt es für 115 Euro. Dazu brauche ich noch den Matritzensatz, passend für meine 7 x 64. Das sind nochmal 39 Euro. Unterm Strich investiere ich also 154 Euro Startkapital in die Hardware (siehe Kasten). Die gleiche Anzahl fertiger Patronen vom freundlichen Fachhändler kosten etwa zwischen 110 und 250 Euro. Wesentlich teurer zwar, dafür habe ich aber keine Arbeit. Wer denkt, er könnte für 110 Euro perfekte Patronen kaufen, der irrt meist. Billige Patronen können minderwertige Komponenten beinhalten, die dem Gewehrlauf schaden.

Fazit
Wer sich nicht auf Maschinen verlassen will, sollte Wiederlader werden. Allein wegen der Kostenersparnis lohnt es sich aber kaum. Die Präzision und Kombinationsmöglichkeiten sind unschlagbare Argumente für das neue Hobby. Zeit und Geduld fordert das Wiederladen. Noch mehr davon braucht man danach auf dem Schießstand und zuhause, bis die perfekte Harmonie von Waffe, Hülse, Zündhütchen, Geschoss und Pulver gefunden ist. Wiederladen ist eben etwas für Tüftler, denn diese Perfektion gibt es nicht von der Stange, sondern nur als Maßanfertigung.

Hardware
Wiederladepresse
Matrizensatz und Hülsenhalter
Pulverdosiergerät
Pulverwaage
Hülsentrimmer
Zündhütchenwendebox
Zündhütchensetzgerät
Hülsenfett-Set
Ladebrett
Ladehandbuch
Hülsenpoliergerät

Wiederladekomponenten für 100 Patronen:
1. Geschoss Sierra Matchking 150 grs HPBT = 33,00 €
2. Pulver IMR 4350, 46 grs = 30 €
3. Zündhütchen CCI-200 = 3 €
Gesamtpreis = 66 €
Die Geschosspreise wirken sich gravierend auf den Gesamtkosten aus. Das 156 Grains schwere Oryx- Geschoss von Norma kostet als 100er-Gebinde bereits 80 Euro – trotzdem günstiger als fertige Fabrik-Munition.